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Image-Kampagne für Arbeitslose?

07 Feb

Hartnäckig hält sich das Bild des faulen Hartz-IV-Empfängers, der den ganzen Tag auf der Couch hängt und sein Arbeitslosengeld II für den neuen Plasma-Bildschirm raushaut. Alles natürlich auf Kosten der Steuerzahler. Das wären bei einer Arbeitslosenquote von 6,4%, also fast 2,8 Millionen Menschen in Deutschland, ziemlich viele übergewichtige Kettenraucher in siffigem Unterhemd. Wobei sich diese Zahl natürlich sowohl aus ALG-I- als auch aus den als Asis verschrienen ALG-II-Empfängern zusammensetzt.betrug

Arbeitslosigkeit macht depressiv und kann zu Angstzuständen führen. Laut Dr. Gisela Mohr, die als Professorin an der Universität Leipzig im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie gelehrt hat, ist der Anteil von psychischen Erkrankungen unter Erwerbslosen zweimal so groß wie der unter Berufstätigen. Umso zynischer scheint es, dass selbst die Agentur für Arbeit oder die Jobcenter, die Tag für Tag in direktem Kontakt mit den Sozialhilfeempfängern stehen, alles daran setzen, das Image des Sozialschmarotzers, der auf Kosten anderer wie die Made im Speck lebt, weiter zu zementieren. Unlängst wurde verkündet, dass Hartz-IV-Anträge zukunftsweisend von zwei Mitarbeitern geprüft werden müssen, um Missbrauchsfälle zu vermeiden. Dass das aller Voraussicht nach zu erheblichen Verzögerungen bei den Satz-Auszahlungen führen wird, scheint da nur Nebensache.

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Reform« aus der Dunkelkammer

Das Problem daran, wenn man als Vollzeitangestellter von Termin zu Termin hetzt und sich gerade zur Winterzeit gar nicht mehr daran erinnern kann, wann man zuletzt das Sonnenlicht gesehen hat: Man bekommt schnell eine ziemlich falsche bis romantisierte Vorstellung von der Arbeitslosigkeit und vergisst, dass Nichtstun nur dann etwas Genießenswertes ist, wenn es ein zeitliches Ablaufdatum hat. Und irgendwie glaubt man auch nicht so richtig daran, dass man sich irgendwann zwischen Hauptschulabbrechern und betrunkenen Asis mit dem Sozialhilfe-Antrag in der Hand einreihen muss.

Tatsache ist aber: Wenn man sich in den Jobcentern der Republik umguckt, dann sitzen da nicht nur die Leute, die man aus dem Nachmittagsprogramm von RTL kennt, sondern eben auch hochqualifizierte Studienabgänger, die eben noch über ein Jahr im Ausland nachgedacht haben, und plötzlich feststellen müssen: Es ist deutlich einfacher, irgendwo als OK bezahlter Werkstudent mit Semesterticket und BAföG-Unterstützung unterzukommen, als eine Vollzeitstelle als theoretischer Berufseinsteiger zu bekommen. Gerade dann, wenn man „irgendwas mit Medien“ machen möchte und sich bewusst gegen technische Berufe entschieden hat.

Diese Übergangszeit ist aber noch OK, irgendwie. Du kannst deinen Freunden erzählen, dass du noch nicht ganz genau weißt, was genau du eigentlich machen willst. Und Nachmittage im Park sind ja irgendwie auch ganz schön. Auf die Frage danach, was du eigentlich so beruflich machst, erzählst du von deinem längst abgeschlossenen Studium und all den Möglichkeiten, die sich dir gerade bieten. Hauptsache, das böse Wort „Hartz IV“ fällt nicht. „Durch die Stigmatisierung trauen sich viele gar nicht, zu ihrer Situation zu stehen“, erklärt Dr. Gisela Mohr. „Viele verstecken sich dann hinter einer anderen Tätigkeit oder ziehen sich von ihrem Umfeld zurück. Was umso fataler in Anbetracht der Tatsache ist, dass der Großteil der Arbeitsvermittlung nach wie vor über soziale Netze stattfindet und es dementsprechend besser wäre, offen mit seiner Arbeitssuche umzugehen.“

Wer sein Bild erst durch fünf Instagram-Filter jagt, bevor er es irgendwo hochlädt, wird allerdings einen Teufel tun, sich offen zu einer Lebenssituation zu bekennen, die ihn für große Teile der Bevölkerung automatisch als faulen Asozialen brandmarkt. Eine Stigmatisierung, die man irgendwann anfängt, selbst zu glauben. Du bist jung, du bist smart, die Welt sollte dir offen stehen; stattdessen starrst du auf die Finger deines Sachbearbeiters, der unter genervtem Seufzen deinen Lebenslauf in’s System hackt. Wohlwissend, dass er dir nicht weiterhelfen kann, wenn du nicht gerade Bürokauffrau oder Maurer oder Einzelhandelskaufmann bist. „Sind Sie sicher, dass Sie nach ihrem Studium nicht noch mal in die Berufsschule wollen? Nein? Tja, bewerben müssen Sie sich trotzdem.“

Sobald du die Eingliederungsvereinbarung unterschrieben hast, gehört deine Seele nämlich dem zuständigen Jobcenter. Du verpflichtest dich dazu, alles—aber auch wirklich alles—zu tun, um so schnell wie möglich wieder Teil des deutschen Arbeitsmarktes zu werden. Das bedeutet: Wenn dein Sachbearbeiter möchte, dass du dich auf einen Job bewirbst, egal wie weit der von deinen Qualifikationen oder deinem bisherigen Arbeitsfeld entfernt ist, dann musst du das tun. Es geht nicht nur darum, dir produktiv dabei zu helfen, nicht mehr länger von 399 Euro im Monat leben zu müssen. Das Amt muss kontrollieren, dass du auch wirklich etwas tust, anstatt deine Tage mit Joint und Netflix im Bett zu verbringen. Wenn du also noch nicht vom permanenten Nichtstun depressiv geworden bist oder deine Selbstzweifel dich mittlerweile komplett auffressen, warum das Russisch Roulette um die Selbstachtung noch um ein paar weitere Tiefschläge in Form von Absagen auf Jobs, für die du dir eigentlich immer zu schade warst, erhöhen?

Dass man in den wenigen Stunden, die man über die Monate mit seinem Arbeitsvermittler hat, keine fundierte psychologische Begleitung erwarten kann, ist nicht überraschend. Wie sehr einen das fehlgeleitete Vermittlungssystem der Jobcenter aber nicht nur auf materieller, sondern auch psychischer Ebene schädigen kann, begreift man oft erst dann, wenn jeder Gang zum Briefkasten zur Qual wird.
„Das Aktivieren und Motivieren ist zwar eine gute Sache, aber dass ein gewisses Quantum an Bewerbungen erreicht werben muss, ist ein absoluter Beratungsfehler“, erklärt Dr. Mohr. „Es ist unverantwortlich, Leute, die sowieso schon in einer Krisensituation sind, Bewerbungen schreiben zu lassen, von denen von vornherein klar ist, dass auf den Großteil davon eine Absage oder überhaupt keine Reaktion folgt. Wer sich in einer psychologisch kritischen Situation befindet, darf nicht bewusst solchen Misserfolgserlebnissen ausgesetzt werden.“

Und wenn die Monate verstreichen, die Ausreden zur eigenen beruflichen und finanziellen Situation immer fadenscheiniger werden und die einzige Chance auf eine bessere Zukunft in den Händen des Arbeitsvermittlers zu liegen scheint—dann seid ihr erst richtig am Nullpunkt angelangt. Das System kann und will euch in vielen Fällen gar nicht helfen. Wenn ihr euch als hoffnungsloser Fall erweist, werdet ihr eben in eine Maßnahme gesteckt. Weiterbildung ist gut, Beschäftigung als depressionsgefährdender Ausschuss der Gesellschaft noch wichtiger—wenn man allerdings zwei Monate lang, acht Stunden am Tag für 1,50 Euro die Stunde Hauptschulhausaufgaben und Gesprächsrunden durchleben muss, fragt man sich wirklich, womit man diese menschenunwürdige Behandlung eigentlich verdient hat.

Es muss die Möglichkeit geben, auch als Mensch, der in der unglücklichen Situation ist, temporär arbeitssuchend zu sein und sich somit für einige Zeit von der Gesellschaft mittragen zu lassen, sich noch ein gewisses Maß an Selbstrespekt bewahren zu dürfen. Man muss nicht jeden Job machen, man muss Entscheidungen für sein Leben treffen, mit denen man auch langfristig, ja, „leben“ kann. Und vor allem ist das Letzte, was man in so einer unsicheren und unglücklichen Zeit gebrauchen kann, der stetige Vorwurf, einfach nur zu faul zum Arbeiten zu sein. Wenn es nicht das Nichtstun, die Scham, die Zukunftsängste sind, die einen depressiv und psychisch krank machen, dann ist es die Stigmatisierung als Schmarotzer und Belastung für die Gesellschaft.

„Vielleicht wäre wirklich einmal eine Image-Kampagne für Arbeitslose angebracht“, sagt Dr. Mohr und ich kann nicht anders, als mich ihr anzuschließen. Es kann nicht sein, dass man im Jobcenter wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Es kann nicht sein, dass einem die Arbeitsvermittler, auf die man seine ganze Hoffnung konzentriert, auf den Kopf zu sagen, dass sie nichts für einen tun können, weil die Agentur für Arbeit nicht darauf ausgelegt ist, studierte Fachkräfte zu vermitteln. Es kann nicht sein, dass man am besten nichts mehr postalisch schickt, damit die Sachbearbeiter nicht behaupten können, dass sie die Unterlagen nie erhalten haben. Und vor allem kann es nicht sein, dass man zum Sündenbock für eine wirtschaftlich schwierige Situation gemacht wird, wenn man doch eigentlich das Opfer eines mittlerweile nahezu menschenfeindlichen Arbeitsmarktes ist. Wir müssen anfangen, bei jedem stereotypen „Frauentausch“-Hartzer auch an die unter uns zu denken, die jung, motiviert und am Boden zerstört sind, weil sie gerade eine berufliche Durststrecke haben. Vor den Jobcenter-Mitarbeitern sind nämlich alle gleich.

Quelle: Brauchen wir eine Image-Kampagne für Arbeitslose?
 

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