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Alltag einer Arbeitssuchenden

01 Okt

Aus dem Alltag einer Arbeitssuchenden

Die Krefelderin Johanna Richter war als Berufsanfängerin ein Jahr arbeitslos. Sie stand beim Jobcenter in der Schlange und musste kurzfristig Hartz 4 beantragen. Vor allem aber fühlte sie sich ausgeliefert – der Bürokratie und ihren Verwaltern. Ihre Geschichte hat sie zu einem Buch gemacht.
Es wird manchen schon so ergangen sein wie Johanna Richter, aber die meisten schreiben es wohl nicht auf. Die Jung-Köchin aus Krefeld war ein Jahr lang arbeitslos und auf einer verzweifelten Suche nach einem Job. Sie hat beim Arbeitsamt darauf bestanden, vermittelt zu werden, sofort und um jeden Preis. Doch so einfach war das nicht. Und mit jedem weiteren Termin beim Jobcenter, jeder weiteren unbezahlten Praktikumsstelle, damit „der Chef ausprobieren kann, ob Sie auch zu uns passen“, ist sie zorniger geworden. Sie will, dass alle erfahren, wie es einem geht, wenn man Unterlagen pünktlich eingereicht hat, die Sachbearbeiterin aber kühl über den Rand ihrer Brille schaut und sagt: „Es liegt kein Antrag vor“…. (Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag, Berlin) So heißt auch das Buch, das Johanna Richter, unter Pseudonym, geschrieben hat. Johanna Richter ist 23 Jahre alt.

Sie selbst findet ihr Buch lustig, aber ganz so ist es nicht. Es ist auch garstig, man leidet unter der bräsigen Verwaltung, die so gar nicht zu dem Elan einer Berufsanfängerin passen will. Johanna Richter schreibt lebensnah, frei nach Schnauze, ein bisschen so, wie sie auch spricht. Es geht ihr gut, sie hat tatsächlich wieder Träume, ihr eigenes kleines Hotel nicht aus den Augen verloren.

Gastronomie bleibt Gastronomie
Zurzeit aber arbeitet sie in der „Systemgastronomie“ einer Fast-Food-Kette — den Job hat sie sich selbst besorgt. Der Teamgeist sei besser als in manch angesehenem Restaurant, der Arbeitgeber prima und würde gut bezahlen, klar, sie koche nicht selber, aber „Gastronomie bleibt Gastronomie“.

An ihrer mangelnden Flexibilität kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass sie vom Jobcenter nicht vermittelt werden konnte. Auch jetzt arbeitet sie morgens oder bis tief in die Nacht und am Wochenende. „Die Gastronomie muss man lieben“, sagt sie. „Sonst kann man das nicht machen. Mir hat es nie etwas ausgemacht!“

Immer schon gerne gekocht
Wohlbehütet wächst sie am Niederrhein auf mit einer Mutter, die immer schon gerne gekocht hat. Das findet Johanna toll: „Ich wusste schon als Kind, dass ich Köchin werden will.“ Nach der Realschule lernt sie in einem Hotel, macht einen Super-Abschluss, hat vier Stellen zur Auswahl. Und wählt wohl die falsche, denn als ihr bester Freund vor einen Baum fährt, verweigert man ihr ein paar freie Stunden, um zur Beerdigung zu gehen, sie muckt auf und fliegt – kurz vor Ende der Probezeit.

Jetzt steht sie, ohne Geld, ohne Erfahrung, beim Jobcenter an. Sie trifft auf Altersgenossen, die im Hauptberuf bereits routinierte Arbeitslose sind und sich gerne verwalten lassen. Aber sie hat noch die Energie, sich aufzuregen – darüber, dass sie in telefonische Warteschleifen geschickt wird, wenn sie eine Auskunft haben will, weil „alle Leitungen besetzt“ seien.

Doch als sie dann vorspricht bei Jobvermittlerin Frau Schmidt, sieht sie fünf weitere Damen und Herren Schmidt, von denen gerade zwei ihre Kunden beraten, obwohl draußen eine Menge Leute sitzen – und das Telefon schellt kein einziges Mal. „Werden Sie doch Nageldesignerin“, empfiehlt eine der vielen Frau Schmidts.

Wegen Krankheit geschlossen
Johanna Richter, die in ihrer Probezeit so wenig verdient hat, dass ihr Arbeitslosengeld nur 371 Euro beträgt, muss mit Hartz 4 aufstocken, fühlt sich abserviert, abgekanzelt, von Pförtnern und Jobcenter-Betreuern, die auch mal Zettel an die Bürotür heften: Wegen Krankheit geschlossen.

Tatsächlich nimmt sie ihre Mutter zur Unterstützung mit aufs Amt, da hat sie schon sechs Wochen kein Geld mehr bekommen, der Strom wurde gesperrt, der Vermieter droht mit Kündigung. „Es liegt kein Antrag vor“, heißt es. Ohne Antrag keine Nummer, ohne Nummer kein Geld.

Irgendwann hat sie auch einen Herrn Schmidt, der sich kümmert. Sie wird an ein Restaurant vermittelt, zwar nicht als Köchin, aber in den Service, rennt sich vier Wochen die Hacken ab, und es gefällt ihr. Nur – das Wirtsehepaar zögert die Unterzeichnung eines Anstellungsvertrages hinaus. Zuletzt arbeitet sie in Doppelschichten, morgens und abends in der Küche, dazwischen im Service, mit den 400 Euro, die sie vom Jobcenter bekommt, subventioniert dieses die gehobene Gastronomie mit Arbeitskräften für lau. Ihr Arbeitsvermittler zieht sie von der Praktikumsstelle ab. Und natürlich gibt es keine Festanstellung.

Unsinnige Maßnahmen
Johanna Richters Fazit der Berufswelt ist nüchtern: „Es ist kein Problem der Gastronomie. Es ist überall. Die Arbeitgeber wollen Arbeitnehmer, die viel arbeiten für wenig Geld. Am liebsten würden sie gar nichts bezahlen und keinen mehr festanstellen. Das ganze System wird unterstützt. Da muss man unsinnige Maßnahmen machen, nur damit man nicht als Arbeitslose in der Statistik auftaucht!“ So weit, hat sie sich geschworen, will sie es nie wieder kommen lassen.

Cornelia Färbe
viaAus dem Alltag einer Arbeitssuchenden | WAZ.de.

 

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