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Warum Occupy sein muss

18 Okt

Die Hungermacher

Die Spekulation mit Agrar-Rohstoffen treibt die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Investmentbanken wie die Deutsche Bank (Fünf Milliarden Dollar hat die Deutsche Bank in ein Luxus-Casino in Las Vegas gesteckt. Doch das Geschäft in der Spielermetropole läuft nicht gut).
und Goldman Sachs sowie die Verwalter von Versicherungen, Pensionsfonds und Stiftungen machen sich dadurch mitschuldig an Hungersnöten in den ärmsten Ländern der Welt. Sie investieren Geld, das Menschen für ihre Altersvorsorge sparen oder für gemeinnützige Zwecke stiften, in Wetten auf die Preise für Mais, Weizen und andere Nahrungsmittel. 

Etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern. Allein 2010 stiegen die Nahrungsmittelpreise um ein Drittel, nur dadurch wurden mehr als 40 Millionen Menschen zusätzlich in absolute Armut gestürzt. Es gab aber auch einen anderen Rekord: Bis Ende März 2011 haben Kapitalanleger wie Versicherungen und Pensionsfonds 600 Milliarden Dollar in die von den Investmentbanken und Hedgefonds aufgelegten Papiere für Wetten mit Rohstoffen, darunter Mais und Weizen, investiert. Gibt es hier einen belegbaren Zusammenhang? Schädigt eine außer Rand und Band geratene Finanzindustrie auch das Leben und die Gesundheit der Ärmsten, indem sie die Nahrungsmittelpreise treibt?

Um diese Fragen zu klären, konnte foodwatch den Wirtschaftsjournalisten und ausgewiesenen Finanzexperten Harald Schumann gewinnen, der sich für die Arbeit an unserem Report sechs Monate von seiner Redakteurs-Tätigkeit beim Tagesspiegel freistellen ließ.

Das sind die Ergebnisse seiner Recherchen:

Ein gewisses Maß an Spekulation ist nützlich

Um Planungssicherheit zu erhalten, schließen z. B. Agrarhändler Verträge („Futures“) über Warenlieferungen zu einem festen Preis und einem festen Termin in der Zukunft ab. Spekulanten, die kein Interesse an einer Warenlieferung haben, aber mit solchen Futures auf steigende oder fallende Preise wetten, führen dem Markt Liquidität zu und tragen somit zur Preisstabilität bei. Bis zur Jahrtausendwende wurde das Gros der Future-Verträge von Produzenten und Verarbeitern geschlossen, um sich dadurch gegen Preisschwankungen abzusichern.

Rohstoff-Spekulation boomt

Nach dem Platzen der „Dotcom-Blase“ haben Banken spekulative Rohstoffe-Papiere forciert und massiv beworben. Sie gelten als sichere Anlage, da das Angebot begrenzt ist und die Nachfrage angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung zunimmt. Die große Deregulierung um die Jahrtausendwende hat den Rohstoff-Handel für institutionelle Anleger wie Index-Investoren attraktiv gemacht. Sie haben kein Interesse an Preisstabilität für den physischen Rohstoffhandel, sondern nur an langfristiger Rendite. Gleichzeitig wurden dadurch die Rohstoffbörsen an die Entwicklung der Finanzmärkte gekoppelt: Faktoren wie Zinshöhe, Risikobereitschaft oder fallende Aktienkurse treiben die Preise für Rohstoffe, unabhängig von Angebot und Nachfrage der physischen Ware.

Das Ausmaß der Spekulation hat überhandgenommen

Der Anteil der zu rein spekulativen Zwecken gehaltenen Weizen-Kontrakte an der Chicagoer Börse (CBOT) lag bis 1999 noch bei 20 bis 30 Prozent – heute beträgt er bis zu 80 Prozent. Institutionelle Anleger haben bislang 600 Milliarden Dollar an den Rohstoffbörsen investiert – das entspricht etwa einem Zehntel des Wertes aller weltweit gehandelten Aktien. Dabei ist die Zahl der gehandelten Futures völlig unabhängig von den verfügbaren Mengen der physischen Ware und überschreitet diese um ein vielfaches. So betrug zum Beispiel das Volumen der gezeichneten Futures („open interest“) auf Weizen der Sorte „Soft Red Winter“ in Chicago im März 2011 rund 76 Millionen Tonnen – das entspricht dem 8,5-fachen der Jahresernte von rund 9 Millionen Tonnen.

Der Preis von morgen bestimmt den Preis von heute

Es gibt erdrückende Belege dafür, dass der Future-Preis, also der Kurs der nächst-fälligen Kontrakte für eine nur virtuelle Rohstofflieferung, die Preise auf den Spotmärkten beeinflusst, wo diese Rohstoffe tatsächlich gehandelt werden. Getreidebauern verkaufen ihre Ware in der Gegenwart zum Future-Preis – einen niedrigeren Preis zu verlangen, wäre ökonomisch unsinnig, für einen höheren Preis würden sie dagegen keine Käufer finden. Wissenschaftliche Auswertungen der in den USA erhobenen Börsendaten zeigen, dass die anwachsende Kapitalanlage auf den Rohstoffmärkten Getreide, Speiseöl und Benzin über lange Phasen von bis zu einem Jahr um bis zu 25 Prozent verteuert.

Preise sind im Rohstoff-Fieber

Durch spekulative Anleger hat auch die Volatilität zugenommen, also Ausmaß und Frequenz der Preisschwankungen. So schwankten die Preise für Weizen-Futures in Chicago bis 2004 in der Regel nur um bis zu 30 Prozent übers Jahr – seit dem Einstieg der Indexfonds sind Ausschläge von bis zu 70 Prozent gang und gäbe.

Die Preise haben mit Angebot und Nachfrage nichts mehr zu tun.“

Das hat sich gezeigt, als Russland im Mai 2011 sein Exportverbot für Getreide aufhob. Obwohl dadurch auf einen Schlag 15 Millionen Tonnen Weizen auf den Weltmarkt strömten, immerhin knapp zehn Prozent des gesamten Exports, sank der Weizenpreis fast gar nicht. Stark reagierten die Märkte dagegen, als in der zweiten Juniwoche der Streit über die Griechenland-Krise eskalierte und die Anleger eine neue Finanzkrise befürchteten. Da wurde Weizen an der Leitbörse in Chicago plötzlich um 20 Prozent billiger.

Indexfonds missbrauchen Handel mit Rohstoff-Futures als Kapitalanlage

Sie spekulieren auf langfristig steigende Preise und investieren daher nur in Kaufkontrakte („long-only“). Dadurch sorgen sie für eine künstliche, virtuelle Nachfrage, die die tatsächlichen Preise für die Rohstoffe steigen lässt.

Banken haben kein Interesse an Regulierung

Sie profitieren über Gebühren immer und ohne jedes Risiko von der Spekulation mit Nahrung, unabhängig davon, wie sich die Preise entwickeln und ob ihre Kunden mit den Papieren Gewinn oder Verlust machen. Wie lukrativ Rohstoffspekulation ist, zeigt auch die Tatsache, dass Finanzkonzerne wie Morgan Stanley, JP Morgan, Goldman Sachs oder die Deutsche Bank in den physischen Rohstoffhandel eingestiegen sind und Tanker, Pipelines und Lagerhäuser betreiben.

Ölpreis-Spekulation treibt Nahrungsmittelpreise

Auch Wetten auf Öl treiben Nahrungsmittelpreise nach oben. Dass der Ölpreis in hohem Maße durch Spekulation und nicht allein durch Angebot und Nachfrage beeinflusst wird, gilt als unbestritten. Die Ölpreise aber schlagen durch Ausgaben für Treibstoff und Mineraldünger direkt auf die Kosten der Getreideproduktion und -vermarktung durch.

Steigende Preise verursachen Hunger

Wenn Menschen in den ärmsten Ländern 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, können sie bei Preissteigerungen Nahrung nicht mehr bezahlen. Die Weltbank schätzte, dass während der Hochpreisphase 2007/08 an die 100 Millionen Menschen zusätzlich Hunger litten, weil sie die höheren Preise nicht mehr bezahlen konnten. Und 2011 lagen die Preise für die drei wichtigsten Getreidesorten Weizen, Mais und Reis im weltweiten Durchschnitt inflationsbereinigt um 150 Prozent über denen im Jahr 2000.

Banken verstoßen gegen selbst erklärte Verantwortung

Das Handeln der Banken steht im Widerspruch zu den selbst-postulierten Ansprüchen. So gibt die Deutsche Bank in ihrem CSR-Report an, „sozial und ökologisch möglichst verantwortungsvoll zu handeln“.

Die europäische Politik zum Handeln verpflichtet

Angesichts der Belege für die schädliche Wirkung der Nahrungsmittelspekulation ist die europäische Politik sogar verpflichtet, aktiv zu werden: Das Vorsorgeprinzip ist Teil des europäischen Grundrechts (Lissabon-Vertrag) – es schreibt bereits bei Hinweisen auf Gefahren für Leib und Leben vorsorgendes Handeln vor.

Quelle: foodwatch.de

Politiker sind die Leute,
die sich um die Probleme kümmern, die ohne sie gar nicht existieren würden.

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