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„Sozialpornos“ fürs abgehängte Prekariat

07 Mrz

„Sozialpornos“ fürs  abgehängte Prekariat 

Zuschauer des kaputten Lebens

Die Botschaft laut  Drehbuch

„Anderen geht’s noch schlechter“

Sie heißen „Verdachtsfälle“, „Familien im Brennpunkt“
oder „Die Schulermittler“ und ziehen jeden Nachmittag
ein bis zwei Millionen Zuschauer an.
Sie kommen als Dokusoaps daher, so heißt das TV-Format,
das authentische Problemfälle dokumentiert und sie mit Spielszenen abmischt.

Nur wer beim Abspann genau hinsieht, kann die kleine Zeile lesen:
„Alle handelnden Personen sind frei erfunden“.

Die neue Erfindung des kommerziellen Fernsehens heißt: „Scripted Reality“:
Wirklichkeit nach Drehbuch?

Aber welche Wirklichkeit wird hier gezeigt?

– Erkundungen in einer medialen Parallelwelt.

In den Schulen geht es ganz schön brutal zu. Der stotternde Clemens wird ausgelacht, geschnitten und angepöbelt. Da sendet der Himmel zwei Schutzengel: die „Schulermittler“. Die titelgebenden Sozialarbeiter der RTL-Serie kümmern sich hingebungsvoll um das Mobbing-Opfer. Sie mischen sich auf dem Schulhof ein, gehen zur überforderten Mutter nach Hause und machen ihr klar, dass der Sohn Hilfe braucht. Nur der alte Geschichtslehrer bleibt uneinsichtig und würde Clemens am liebsten in eine Sonderschule stecken. Aber über den werden die Ermittler sich beim Direktor beklagen. Bald finden sie auch heraus, dass Schulkamerad Patrick nur deswegen halbwegs anständig mit Clemens umgeht, weil der Stotterer ihm dafür heimlich die Liebesbriefe an Béatrice schreibt. Dabei ist er doch selbst in das hübsche Mädchen verliebt … Moment, diese Geschichte kennt man doch irgendwoher?  Genau, das Motiv stammt aus dem Drama „Cyrano de Bergerac“, das mit Gérard Depardieu auch verfilmt wurde. Cyrano stottert zwar nicht, aber er hat eine lange Nase, und darum verzichtet er großherzig und mit blutender Seele auf seine Angebetete, die sich aufgrund seiner Briefe in den dummen Schönling verliebt hat. Clemens hat da mehr Glück, denn die „Die Schulermittler“ klären alles auf und bringen die Richtigen zusammen.

Der kommerzielle Fernsehsender RTL spielt gerne „lieber Gott“.

In den Werbepausen wird die Botschaft noch bekräftigt: „Wir schauen nicht einfach nur zu. Wir packen mit an!“ (Die RTL-Stiftung „Wir helfen Kindern“) In „Supernanny“ hilft das Fernsehen beim Erziehen, „Rachs Restaurantschule“ gab Jugendlichen eine letzte Chance auf einen Ausbildungsplatz, Peter Zwegat hilft „Raus aus den Schulden“. Und so greifen die „Schulermittler“ bei Schulproblemen ein. Das ist ja eigentlich lobenswert, denkt man.

Aber die Geschichten dieser Dokusoap sind frei erfunden, die Sozialarbeiter sind Schauspieler. „Nach einer wahren Geschichte. Alle handelnden Personen sind frei erfunden“, so steht es klein am Ende des Abspanns geschrieben. Nach diesem Prinzip der „Scripted Reality“ werden jetzt mehrere Serien hergestellt, unter anderen auch „Verdachtsfälle“, „Familien im Brennpunkt“, „Betrugsfälle“, aber auch die Gerichtsshows mit Barbara Salesch und Alexander Hold auf SAT 1. Ob sie tatsächlich alle nach einer „wahren Geschichte“ verfasst sind, das Wissen nur die Fernsehgötter. Kein Wunder, dass man ab und an Motive aus der Literatur- und Dramengeschichte wiederfindet, wie den Briefschreiber Cyrano. Irgendwo müssen die Ideen ja herkommen.

„Sozialpornos“ – ein böses, aber treffendes Wort.

Da nicht mehr genügend echte Versager aufzutreiben sind,
schreibt man Drehbücher und spielt diese mit Laiendarstellern nach.

Die Idee zu den vorgefertigten Dokusoaps entstand aus Mangel an Geld und an Mitwirkenden, schrieb der „Spiegel“. Die Casting-Agenturen, so das Magazin, hätten mittlerweile Probleme, Leute zu finden, die sich in den Dokusoaps zur Schau stellen wollen, sich entblößen für diese „Sozialpornos“ – ein böses, aber treffendes Wort. Denn es sind ja vor allem die Verlierer und Versager, die gezeigt werden, diejenigen, die nicht mit Geld umgehen können, die sich nicht zu wehren wissen, die es nicht schaffen, einen Job zu ergattern und diszipliniert zu arbeiten, die mit ihren Kindern nicht zurechtkommen oder mit ihren Beziehungen auf die Nase fallen.

Da nun also nicht mehr genügend echte Versager aufzutreiben sind, schreibt man Drehbücher und spielt diese mit Laiendarstellern nach. Das geht auch viel einfacher als echte Dokumentationen, denn man muss nicht warten, bis die Leute wirklich anfangen zu streiten, sondern dreht flott die geschriebenen Szenen nach. Ein Setting, ein paar Laien, die für ihr Spiel nur eine „Aufwandsentschädigung“ erhalten – kostengünstiger geht Fernsehen kaum. Und weil man die Probleme mit ein paar Intrigen aus dem klassischen Fundus aufmöbeln kann, ist die „scripted reality“ auch spannender als die Wirklichkeit.

Die Probleme von geschiedenen Eltern im Umgang mit den Kindern sind sattsam bekannt. Der Papa hatte nie Zeit, aber nun hat er eine neue Freundin, und plötzlich wollen die Beiden dauernd seine Kinder um sich haben. Das gefällt der Mutter gar nicht, sie wird misstrauisch, und um dem Ex und seiner neuen Ische eins auszuwischen, sucht sie sich einen Job in einer andern Stadt – und findet ihn. Super, denkt sie, und fällt aus allen Wolken, als sie ihre Unterlagen zurückerhält: Sie hätte ja selbst wieder abgesagt. Wer hat die Absage geschickt? „Verdachtsfälle“ heißt diese Dokusoap, also: wer ist nun der/die Böse? Richtig: die Ex-Schwiegermutter! Als das geklärt ist, verschwindet sie aus dem Geschehen, und alle andern verstehen sich plötzlich prächtig. Ganz brav steigen die zuvor ewig quengelnden Kinder ins Auto, um mit ihrer Mami in eine fremde Stadt zu ziehen.
Es gibt doch nichts Schöneres als so ein gut getextetes Happy EndAntwort

Zur Erholung gibt es die Werbepausen,
in denen für Kaffee und Waschmittel mit glücklichen Familien geworben wird.

Die Bösen sind in diesen Pseudo-Dokusoaps meist schnell ausgemacht. Dabei fällt auf, dass die Frauen schlecht wegkommen. In einer Folge von „Familie im Brennpunkt“ konnte man etwa eine junge Russin sehen, die einem naiven Metzgersohn ans Geld ging. In einer anderen Folge muss ein ehrlicher und gutmütiger Lagerarbeiter erfahren, dass seine Frau im Internet nicht etwa einen Job sucht, sondern Lover, und dass sie überhaupt nur bei ihm bleibt, weil er so brav bezahlt, was sie ihm denn auch direkt ins Gesicht sagt. Außerdem ist sie wegen Schwarzarbeit aufgeflogen, und die Frau von der ARGE spricht warnend in die Kamera: „Das ist kein Kavaliersdelikt !“

Zur Erholung gibt es die Werbepausen, in denen für Kaffee und Waschmittel mit glücklichen Familien geworben wird. Da fällt sogar der Satz „In den eigenen vier Wänden ist das Glück zuhause!“ Vermutlich ist das nicht einmal zynisch gemeint, denn die Zuschauer genießen das Gefühl, dass es bei ihnen zu Hause nicht so arg zugeht wie bei den „Familien im Brennpunkt“.

Parallelwelt

Es wird gestritten und herumgebrüllt an diesen Fernsehnachmittagen, dass die Fetzen fliegen. „Ich glaube, ich spinne!“ wird gerne geschrien, „Tickst du noch richtigFrage“ oder „Du hast echt einen an der Klatsche!“ Schlimme Wörter allerdings werden mit einem „Piep“ weggeblendet. Diese Sätze stammen dann wohl nicht von Dialogschreibern, sondern aus dem Fundus der Improvisationsfreude der Mitwirkenden. Genaueres war von den Produktionsfirmen nicht zu erfahren, es ist nämlich ein „Firmengeheimnis“, wie diese Serien „gescripted“ werden. Vermutlich gibt es ein Dialoggerüst mit Freiraum für die Darsteller. Da diese keine echten Schauspieler sind (die Sozialarbeiter in „Die Schulermittler“ bilden eine Ausnahme), stehen ihnen auch nicht so viele Ausdrucksmittel an Gemütsregungen zur Verfügung. Also sind sie im Wesentlichen: erschrocken, erfreut, stocksauer oder verzweifelt; da können sie entsetzt gucken, strahlen, brüllen oder weinen. Erfrischend ist, dass sie oft in breitem Kölsch daherkommen (in Köln-Hürth werden die meisten der Dokusoaps produziert) oder im Berliner Slang. Darum erinnert „Scripted Reality“ auch an das traditionelle Laientheater mit seinen ebenso stereotypen Handlungsmustern. Nur, dass sie eben wie Dokumentarspiele wirken sollen: daher folgt nach jeder Spielszene jeweils ein Statement, das direkt in die Kamera gesprochen wird und das die Darsteller vermutlich von einem „Prompter“ ablesen können.

Es wird also nicht viel verlangt von den Darstellern, ebenso wenig von den Zuschauern. Vor jeder Werbepause wird das Kommende schon kurz angedeutet, danach das bisherige Geschehen zusammengefasst. Man scheint von einem Publikum auszugehen, das entweder eine verminderte Auffassungsgabe hat – oder den Fernseher nebenbei laufen lässt und nur ab und zu einen Blick hinein wirft. Dabei könnte es etwas dazu lernen. Denn das ist die überraschende Erkenntnis einiger Fernsehnachmittage:

In vielen Folgen werden nicht nur Probleme angesprochen, sondern auch konkrete Lösungen aufgezeigt. Ein Siebzehnjähriger etwa ist Vater von zwei Kindern. Deren Mütter liefern sich einen wahren Zickenkrieg, aber der junge Mann wird genau über seine Rechte und Pflichten aufgeklärt, und zum Ende ist die Situation einigermaßen befriedet. Oder: Eine junge Arzthelferin bemerkt, dass sie von ihrem frisch angetrauten Ehemann ausgeplündert wird: Nach sieben dramatischen Höhepunkten hat sie nicht nur ihr Geld gerettet, sondern auch gelernt, wie sie mit ihrem Helden umgehen muss, auch wenn die Liebe deutlich abgeflaut ist.

Viele bewerben sich für einen Auftritt im Fernsehen.
Aber noch viel mehr sehen zu, wie sich die Anderen zum Affen machen.

Die kommerziellen Fernsehsender betonen gerne, dass sie sich um die Realität kümmern, um die Probleme der kleinen Leute eben. Dabei inszenieren sie vor allem ihre Macht: Sie bieten Lösungen an, sie sind die Erzieher der Nation, sie machen Superstars, sie verschönern und helfen – einigen Auserwählten! Das Selektionsprinzip zieht sich durch die Programme, es ist der rote Faden aller Casting-Shows und vieler Dokusoaps, auch von „Bauer sucht Frau“ oder „Extrem schönAntwort“ Damit dieses „Aschenputtel-Prinzip“ richtig zur Geltung kommt, werden gerne skurrile Talente und hässliche Laiendarsteller ausgesucht. So steht es natürlich nicht in der Ausschreibung der Firma „Filmpool“, die u.a. „Verdachtsfälle“, „Familien im Brennpunkt“ und „Richterin Barbara Salesch“ produziert, sondern: „Sie haben auch Lust auf eine Rolle als Angeklagter, Zeuge oder Täter Frage Sie sind selbstbewusst, schlagfertig, attraktiv – oder ein ganz schräger Typ?“

Die „schrägen Typen“ haben einfach mehr Unterhaltungswert, da „beömmeln“ sich dann die Zuschauerinnen, die von Mutter Natur besser ausgestattet worden sind. Das ist vermutlich das Erfolgsgeheimnis: Man amüsiert sich über die Loser. Die derzeit so oft gelieferte Erklärung, dass wir in einer Casting-Gesellschaft leben, in der jeder davon träumt, berühmt zu werden, und sei es nur für eine Viertelstunde, greift eher zu kurz. Sicher: Viele bewerben sich für einen Auftritt im Fernsehen, groß ist die Sehnsucht nach dem „Auserwähltsein“. Aber noch viel mehr sehen zu. In der „werberelevanten“ Zielgruppe der 14 bis 49jährigen haben sich die kommerziellen Sender, gerade auch an den Nachmittagen, die meisten Zuschauer erobert. Sie sehen zu, wie andere sich zum Affen machen.

Damit trägt aber diese Fernseh-„Reality“ weniger zu Problemlösungen bei

als zur Einübung in die Kaltherzigkeit.

Der Neue Glotzrekord

der Deutschen steigt und steigt. 2010 flimmerten die Geräte im Schnitt täglich 223 Minuten lang, das sind noch einmal 11 Minuten mehr als im Vorjahr. Der „gigantische Wert“, so die Markforschungsfirma Media Control, sei der höchste seit Beginn ihrer Einschaltquotenvermarktung vor 18 Jahren. Am längsten geglotzt wird in Sachsen-Anhalt und Thüringen, am wenigsten in Bayern und Hessen.

„Anderen geht’s noch schlechter“ 6 Fragen an Fritz Wolf

Frage:

Wie hat sich der Hype um das Reality-Fernsehen entwickelt?

Antwort:

Das war die Erfindung der kommerziellen Sender, die mit „reality“, also der fürs Fernsehen aufbereiteten Wirklichkeit, ein großes Publikum gefunden haben. Es fing an mit „Big Brother“ und den täglichen Talksendungen, bei denen ausgewählte Leute ihre Geschichten auf der Bühne ausbreiten durften. Danach kamen die „sozialen“ Formate mit Erziehungs- und Schuldenberatung, diese Sendungen verlieren aber bereits wieder an Quote.

Frage:

Warum hat sich die Fiktion in die Dokumentation eingeschlichen?

Antwort:

Die „scripted reality“ bietet einen höheren Grad an Verdichtung und kann darum die Zuschauer noch besser am Sofa festnageln. Für echte Dokumentationen braucht es viel Aufwand, bis man dramatische Situationen vor die Kamera bekommt. Leichter ist es, sie gleich herzustellen. Darum geht es in den Serien auch zu wie in einem Kochtopf, es brodelt unentwegt. So viele Konflikte erlebt ein Mensch in einem ganzen Jahr nicht.

Frage:

Die Konflikte spielen sich in der Unterschicht oder der unteren Mittelschicht ab: will man damit den Voyeurismus des Publikums bedienen oder die Zielgruppe treffen?

Antwort:

Das spiegelt die Zielgruppe. Die kommerziellen Sender wissen, wer am Nachmittag vor dem Fernseher sitzt: neben Hausfrauen und Schülern vor allem Arbeitslose. Sie bekommen genau ihre Themen abgehandelt, in zugespitzter Form.

Frage:

Welche Botschaft wird da Ihrer Meinung nach vermittelt?

Antwort:

Hauptsächlich die Botschaft: den anderen geht’s noch schlechter.

Frage:

Es sind also Formate für die absteigende Mittelschicht?

Antwort:

Oder für das abgehängte Prekariat.

Frage:

Schielen nun auch die öffentlich-rechtlichen Sender nach „scripted reality“?

Antwort:

Ja, sehr, weil es so erfolgreich ist Antwort Viele merken ja nicht, dass die Geschichten erfunden sind. Sie halten es für Realität. Das hat übrigens auch Rückwirkungen auf die Wirklichkeit. Der Richterbund beklagt sich, dass viele Leute sich im Gericht unmöglich aufführen – nämlich so, wie sie es aus dem Fernsehen kennen.

Von Eva Pfister
* Fritz Wolf ist Medienpublizist und -dozent und gehört der Grimme-Preis-Jury an.
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