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Wikileaks: Hintergründe, Enthüllungen & Konflikte

02 Jan
Official presidential portrait of Barack Obama...

Barack Obama

Wikileaks hat sich in den letzten Monaten zu einem Phänomen entwickelt.

Auf der einen Seite bewundert, auf der anderen Seite verachtet.

Julian Assange

macht das Web zum Politikum.


„Ich bin davon überzeugt, dass eine Gesellschaft umso stärker wird, je freier Informationen fließen, weil die Bürger in Ländern rund um die Welt ihre Regierungen zur Rechenschaft ziehen können.“

Das sagte US-Präsident Barack Obama im November 2009, als er während eines Staatsbesuchs in China einen Vortrag vor Studenten in Shanghai hielt. Ein Jahr später liegen detaillierte Berichte über die Kriegsführung der USA in Afghanistan und im Irak sowie Depeschen und Lageeinschätzungen aus US-Botschaften offen. Die US-Regierung hat sich aber keinesfalls die Worte Obamas zu Herzen genommen und die Archive geöffnet.

Werbung für Wikileaks

Im Gegenteil: Eine verdeckt operierende Gruppe von Hackern und Netzaktivisten hinter der Webseite „Wikileaks“ hat die geheimen Informationen zugänglich gemacht. Ihr Name setzt sich Zusammen aus dem Begriff „Wiki“, der eine webbasierte Software für das gemeinschaftliche Arbeiten an Inhalten beschreibt, und dem englischen „Leak“, dem Leck, durch das interne Informationen aus Organisationen an die Öffentlichkeit sickern. Die Bereitstellung eben solcher Informationen hat die Gruppe in den USA zu Staatsfeinden werden lassen. Gegen sie laufen Ermittlungen, sie stehen im Visier der Geheimdienste, bei Unternehmen gelten sie als unerwünschte Kunden.

Der massive Gegenwind hat seine Ursache aber nicht allein in der Tatsache der Veröffentlichungen an sich. Ebenso schwer dürfte die Symbolkraft wiegen, die hinter dem Projekt steht. Nachdem die westlichen Staaten in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends immer mehr Bürgerrechte abbauten, die Überwachung der Bevölkerung verstärkten und die öffentliche Meinung mit massiven Medienkampagnen manipulierten hat nun eine Gruppe dahergelaufener Hacker und Netzaktivisten den Spieß umgedreht und zuletzt gar der Supermacht USA ins Herz getroffen.

Das erklärt auch die große Sympathie-Welle, die in diesen Tagen über die Plattform hereinbricht. Vor allem die engagierteren Internet-Nutzer waren in den letzten Jahren in Abwehrschlachten verwickelt, um das Netz nicht zu einem kontrollierten und durchregulierten Distributionskanal mit gläsernen Anwendern werden zu lassen. Was viele nun fühlen bringt eine Werbung von Wikileaks auf den Punkt: Als „Erster Geheimdienst des Volkes“ wird die Organisation hier bezeichnet.

Doch wie Funktioniert das System Wikileaks? Wer steckt hinter der Plattform? Und was sind die Motive der Betreiber?

Vier Jahre voller Enthüllungen
Wikileaks trat erstmals im Dezember 2006 an die Öffentlichkeit. Bei der ersten Veröffentlichung handelte es sich um ein Dokument, das die Ermordung mehrerer Regierungsmitarbeiter in Somalia in Auftrag gab. Unterzeichnet war es von Hassan Dahir Aweys, der seit längerer Zeit dafür kämpft, in Somalia einen islamischen Staat zu errichten.

In einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Organisation aber erst im Sommer 2007 zum ersten Mal wahrgenommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ein Dokument auf der Plattform bereitgestellt, das Korruptionsfälle in der Familie des früheren kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi belegte. Dabei ging es um mehrere Milliarden Dollar.

Von diesem Zeitpunkt an folgten regelmäßig Veröffentlichungen, die für Aufsehen sorgten. Schon im November 2007 folgte mit den „Camp Delta Standard Operating Procedures“ die Handbücher für die Aufseher des US-Militärs im Gefangenenlager Guantánamo. In diesen wurde beispielsweise beschrieben, dass neue Häftlinge nach ihrer Ankunft zwei Wochen in Isolationshaft gehalten werden sollen, um sie bei Gesprächen gefügiger zu machen.

2008 folgten die ersten größeren juristischen Probleme. So gelang es beispielsweise der Julius Bär Bank, die Domain Wikileaks.org mit einer gerichtlichen Verfügung gegen den Provider Dynadot vorübergehend auf eine leere Seite umleiten zu lassen. Auch Scientology versuchte, über seine Anwälte die Löschung von Dokumenten durchzusetzen. Wikileaks reagierte auf ein entsprechendes Schreiben lediglich mit der Ankündigung, eine Woche später einige tausend weitere Seiten mit Materialien der Sekte zu veröffentlichen.

In Deutschland wurde man schließlich auf die Plattform aufmerksam, als die im Geheimen ausgehandelten Toll Collect-Verträge zwischen der Bundesregierung und den Unternehmen, die das System zur Erhebung der Autobahn-Maut entwickelten, plötzlich im Netz standen. Hinzu kamen die Feldjäger-Berichte der Bundeswehr über die Bombardierung von zwei Tanklastern in Afghanistan und in diesem Jahr die Planungsdokumente zur Loveparade, auf der es im Gedränge zu mehreren Todesfällen kam.

Anonymisierter Geheimnisverrat
Ausgangspunkt für eine neue Enthüllung ist immer ein Informant, der Zugang zu den entsprechenden Quellen hat. Diese entschließen sich aus verschiedensten Gründen zum Geheimnisverrat: Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber, Gerechtigkeitssinn oder auch einfach nur Nervenkitzel. Hier gibt es keine Unterschiede zum klassischen Journalismus.

Grafik: Herkunft der Depeschen und Lageberichte aus dem US-Außenministerium

Bei dem einzigen mutmaßlichen Informanten, der bisher enttarnt worden ist, handelt es sich um den US-Soldaten Bradley Manning. Dieser ist offenbar die Quelle für das Video über den Angriff eines Kampfhubschraubers auf Zivilisten im Irak, bei dem im Juli 2007 zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters getötet wurden. Auch die in diesem Jahr veröffentlichten Militärakten und möglicherweise auch die aktuellen Botschafts-Depeschen könnten von ihm stammen.
Manning hatte sich selbst verraten, als er sich gegenüber dem Hacker Adrian Lamo in einem Chat damit brüstete, die Informationen aus seiner Einsatzstelle im Irak geschmuggelt zu haben. Lamo informierte daraufhin die US-Behörden. Wikileaks selbst hat sein Übermittlungs-System so organisiert, dass nicht einmal die Betreiber der Plattform davon Kenntnis erlangen können, wer ein Dokument geschickt hat. Bei einer digitalen Übermittlung werden keine Logfiles gespeichert und die Einsendung zusätzlich anonymisiert. Es ist aber auch möglich, Dokumente auf Papier über Postfächer von Unterstützern an einigen Universitäten anonym per Post zu schicken.

Vor der Veröffentlichung werden die Papiere von Experten auf ihre Echtheit geprüft. Computer-Forensiker analysieren beispielsweise, ob gescannte Papiere retuschiert wurden. Journalisten oder Politikwissenschaftler werden befragt, ob sich Dokumente realistisch in das bisher bekannte Bild einbetten. Erst dann erfolgt die Veröffentlichung.

Wikileaks stellte in der Vergangenheit durchaus auch gefälschte Dokumente online. Diese waren aber stets mit einem entsprechenden Hinweis versehen. Die Betreiber der Plattform sehen auch in den Manipulationen einen Informationswert. Bisher ist es noch nicht vorgekommen, dass ein gefälschtes Dokument als echt bewertet wurde.

Am Umstrittensten sind immer wieder Dokumente, in denen persönliche Daten von Betroffenen auftauchen. Wikileaks hat sich in der Vergangenheit mehrfach geweigert, entsprechende Stellen zu Schwärzen. Stattdessen verfolgt man die Strategie, die Betroffenen vorab über den Leak zu informieren und gibt ihnen damit gegebenenfalls Gelegenheit, Vorkehrungen zu treffen.

Grundsätzlich muss aber niemand befürchten, dass eines Tages die eigene Krankenakte oder ähnliches auf Wikileaks auftaucht. Die Betreiber der Plattform machen grundsätzlich nur Dokumente öffentlich, die – ob in großem oder auch nur im lokalen Rahmen – eine Relevanz für die Öffentlichkeit haben.

Julian Assange

Julian Assange (Foto: Espen Moe)

Julian Assange: Mister Wikileaks
Julian Assange ist der Kopf der Organisation und derzeit der einzige öffentlich bekannte Vertreter. Der Australier wurde 1971 geboren. Seine Eltern unterhielten einen Wanderzirkus. Seine Mutter arbeitete nach der Trennung von seinem Vater beim Film. So war es Assange von Anfang an gewohnt, nie längere Zeit an einem Ort zu leben – eine Eigenschaft, die sich für seine Tätigkeit bei Wikileaks als Vorteil herausstellen sollte.

Die wesentliche Prägung erhielt er allerdings in seiner Jugend, als er unter dem Pseudonym „Mendax“ in der Hacker-Szene aktiv war. Deren Weltsicht und Ideale hat Assange zutiefst verinnerlicht und setzt sie mit Wikileaks in die Praxis um. Um zu verstehen, warum der Australier so stark auf die Plattform fixiert ist, wäre es falsch, ihm einfach Geltungssucht oder Hass auf die USA zu unterstellen.

In seinem Blog IQ.org (Interesting Questions, auf deutsch: „Interessante Fragen“), das inzwischen abgeschaltet aber noch imInternet-Archiv zu finden ist, gab Assange zur Zeit der Wikileaks-Gründung einen Einblick in seine Gedanken. „Immer wenn wir eine Ungerechtigkeit erleben und nicht handeln, trainieren wir unseren Charakter darauf, passiv zu bleiben und verlieren dabei die Fähigkeit, uns und die, die wir lieben, zu verteidigen. In einer modernen Ökonomie ist es unmöglich, sich vor Ungerechtigkeiten abzuschotten“, schrieb er.

Eindringlich appellierte er, Verstand und Mut nicht zu vergeuden und unsinnigen Tätigkeiten nachzugehen. Stattdessen solle man „die Macht unserer Talente gegen die stärksten Feinde der Liebe ins Feld zu führen“, so Assange.

Die Hacker-Ethik der 1980er Jahre fiel bei einer solchen Sicht auf die Welt auf fruchtbaren Boden. Demnach versuche der Staat einerseits immer mehr Informationen über die Bürger zu sammeln. Andererseits wird die Geheimhaltung gegenüber den Menschen immer stärker ausgebaut, woraus ein Ungleichgewicht der Macht und eine immer autoritärere Gesellschaft entstehen. Das kann umgekehrt werden, indem Bürger die Werkzeuge zur sicheren Verschlüsselung ihrer persönlichen Daten erhalten und die geheim gehaltenen Informationen des Staates an die Öffentlichkeit gebracht werden.

„Je geheimnisvoller und ungerechter eine Organisation ist, umso stärker säht eine Enthüllung Angst und Paranoia in ihrer Führung und in den Planungsgremien“, schrieb der Assange Ende 2006. Das führe dazu, dass die jeweilige Organisation sich stärker mit der Geheimhaltung in ihren eigenen Reihen beschäftigen müssen, was die interne Komplexität erhöht und die Machtposition nach außen schwächt.

Den Beginn dieses Effekts konnte man innerhalb der US-Regierung kürzlich beobachten: Nach der Veröffentlichung der ersten Botschaftsdepeschen hat das US-Außenministerium den Zugang des Militärs zu seinen diplomatischen Datenbanken unterbunden.

2010: Das Wikileaks-Jahr
Nach einer Pause, in der sich das Wikileaks-Team um den Jahreswechsel 2009/2010 herum auf das Sammeln von Spenden konzentrierte, meldete sich die Plattform im März 2010 zurück. Zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte man ein Dokument der US-Spionage-Abwehr, in dem Strategien entwickelt werden, um Wikileaks in der Öffentlichkeit unglaubwürdig zu machen. Damit bereiteten die Betreiber der Seite die Öffentlichkeit schon einmal darauf vor, wie die PR-Maschine der US-Regierung wohl auf die kommenden großen Enthüllungen reagieren wird

Nicht einmal einen Monat später lud Julian Assange zu einer Pressekonferenz ein. Auf dieser führte er den anwesenden Journalisten das „Collateral Murder“-Video vor. Gefilmt von der Bord-Kamera eines US-Kampfhubschraubers, zeigt es die Tötung von irakischen Zivilisten, unter ihnen zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Es war der letzte Besuch von Assange in den USA, wo er seitdem auf der Liste der meistgesuchten Personen steht.

Ende Juli 2010 folgte dann eine weitaus größere Veröffentlichung: In Zusammenarbeit mit mehreren großen Presseverlagen präsentierte Wikileaks eine große Sammlung von Feldberichten der US-Soldaten im Afghanistan. Diese ließen den genauen Kriegsverlauf und die Zahlen der militärischen und zivilen Opfer sichtbar werden.

Den Aktivisten hinter Wikileaks war klar, dass sie spätestens jetzt ihren Schutz verbessern müssen. So veröffentlichten sie eine 1,7 Gigabyte große, verschlüsselte Datei, die den Namen „Versicherung“ trägt. Dies war verbunden mit der Drohung, dass Passwort zu veröffentlichen, wenn einem der Wikileaks-Mitarbeiter etwas zustoßen sollte.

Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg 2009 auf dem Kongress 26C3

Assange, der sich inzwischen in Schweden aufhielt, sah sich dort plötzlich mit der Staatsanwaltschaft konfrontiert. Der Vorwurf lautete auf Vergewaltigung. Allerdings war selbst innerhalb der schwedischen Justiz umstritten, ob die Anschuldigungen zutreffen. Immerhin kamen sie von zwei Freundinnen, die beide kurze Verhältnisse mit dem Wikileaks-Sprecher hatten. Da vieles auf einen persönlichen Rachefeldzug hindeutete, wurden die Ermittlungen bereits einen Tag nach der Ausstellung eines Haftbefehls wieder eingestellt (siehe auch: Video von Spiegel-TV).

Ende September kam es zum Bruch mit dem bis dahin zweiten öffentlichen Sprecher der Plattform, der unter dem Namen Daniel Schmitt auftrat. Der Deutsche, der eigentlich Daniel Domscheit-Berg heißt, äußerte sich enttäuscht über die jüngsten Entwicklungen in der Organisation, die sich zunehmend auf spektakuläre Enthüllungen konzentrierte und kleinere Geschichten liegen ließ. Domscheit-Berg kritisierte außerdem die autoritäre Art, in der Assange die Organisation seiner Ansicht nach leitet.

Dies tat der Aktivität von Wikileaks aber keinen Abbruch. Schon kurze Zeit später wurden – wieder in Kooperation mit großen Medien – fast 400.000 Feldberichte von US-Soldaten aus dem Irak-Krieg veröffentlicht. Wie schon bei den Afghanistan-Dokumenten lassen diese das Kriegsgeschehen sehr plastisch erscheinen.

Der Druck auf Assange nahm in der Folge immer weiter zu. Da er sich in Schweden nicht mehr sicher fühlte, tauchte er in Großbritannien ab und begann mit der Suche nach einem Land, dass ihm politisches Asyl gewähren kann. Jetzt – drei Monate nach den ersten Ermittlungen in Schweden – wurde außerdem der Vergewaltigungsfall neu aufgerollt und ein neuer Haftbefehlausgestellt.

Der Arbeit des Teams hinter Wikileaks ging ungeachtet dessen weiter. So konnten sie Ende November damit beginnen, 250.000 interne Berichte und Lageeinschätzungen aus den US-Botschaftenin zahlreichen Ländern zu enthüllen. Die Attacken auf die Plattform erreichten infolge dessen eine bisher nicht gekannte Aggressivität. Die Webseite Wikileaks.org wurde erst mit massiven DDoS-Angriffen lahmgelegt und die Domain kurz darauf abgeschaltet. US-Unternehmen wie AmazonPayPalMasterCard und Visa lösten ihre Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks auf.

Das wiederum rief die Internet-Community auf den Plan. Binnen kurzer Zeit wurde die Wikileaks-Seite auf hunderten Spiegel-Servern rund um die Welt verfügbar gemacht. Die fraglichen Unternehmen gerieten ins Visier von „Anonymous“, einem losen Aktionsnetzwerk von zahlreichen Internet-Nutzern, die nun ebenso DDoS-Attacken auf die jeweiligen Firmenseiten starteten. Die Solidaritäts-Welle nahm noch einmal zusätzlich Fahrt auf, als Julian Assange am 7. Dezember 2010 in Großbritannien auf Grundlage des schwedischen Haftbefehls festgenommen wurde.

Während die Auseinandersetzung zwischen Anhängern der US-Regierung und der Internet-Community in diesen Tagen immer weiter zuspitzt, arbeitet das Wikileaks-Team im Hintergrund bereits an der nächsten großen Enthüllung. Wie die Organisation mitteilte, sei Wikileaks durch die Festnahme von Assange durchaus nicht entscheidend geschwächt. In wenigen Wochen wird man zahlreiche interne Dokumente aus dem Top-Management einer Großbank ins Netz stellen.

von:Christian Kahle

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