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Wikileaks und der unsichtbare Teil des Internets

01 Jan
Julian Assange

Es gibt keine Geheimnisse

„Nie zuvor ist das Vertrauen von Amerikas Partnern in aller Welt so erschüttert worden.“

Mit diesen Worten kündigt „Spiegel Online“ Ende November die Veröffentlichung der US-amerikanischen Depeschen an.

Tatsächlich reagieren einige Diplomaten gereizt darauf, doch das liegt nicht allein am Inhalt der Dokumente. Was amerikanische Politiker über Regierungsmitglieder anderer Länder denken, ist zwar wenig schmeichelhaft, aber nicht überraschend oder gar schockierend. Die Aufregung um Wikileaks und seine Enthüllungen hat andere Gründe.

Da ist zum einen die Person des Wikileaks-Gründers Julian Assange, der sich als Kämpfer für eine aufgeklärte, bessere Welt inszeniert. Und der auf viele exzentrisch wirkt. Die Anhänger des Mannes mit den schlohweißen Haaren demonstrierten nach seiner Verhaftung in London auf der Straße für ihn und legten aus Protest die Internetseiten großer Unternehmen lahm. Assange ist für sie der Heilsbringer einer neuen Welt, in der das Geheime keinen Platz mehr hat.

„Die Moral von Wikileaks: es gibt keine Geheimnisse“

Zum anderen hat Wikileaks mit seinen Enthüllungen – obwohl es nicht das erste Mal war – in den Augen vieler einen Tabubruch begangen: Geheimnisse wurden verraten, was verborgen bleiben sollte, wurde öffentlich gemacht. „Die Moral von Wikileaks: es gibt keine Geheimnisse“, kommentierte der amerikanische Journalist Jeff Jarvis.

Assange sagt, es gehe ihm um größtmögliche Transparenz. Nach welchen Kriterien er den engen Kreis der Medien auswählt, denen er sein Material zur Verfügung stellt, bleibt allerdings im Dunkeln. Der 39-Jährige tritt als Unterhändler begehrter Informationen auf, das verleiht ihm Macht und Selbstbewusstsein. Assange, der sich selbst in der Rolle des investigativen Journalisten sieht, weiß, wie Medien funktionieren, und bedient diejenigen unter ihnen mit Informationen, die in seiner Gunst stehen. Als Person bleibt der Australier rätselhaft.

Die von Wikileaks ins Rollen gebrachte Diskussion über Transparenz dreht sich um mehr als um die Frage, wie Regierungen und Geheimdienste mit vertraulichen Informationen umgehen. Im Kern berührt sie die Frage, welchen Stellenwert Geheimes in unserer Gesellschaft hat. In sozialen Netzwerken wie Facebook kehren viele Menschen schon längst ihr Innerstes nach außen. Allein in Deutschland tummeln sich mehr als zehn Millionen Menschen bei Facebook, rund um den Globus sind es inzwischen 500 Millionen. Persönliche Vorlieben werden von den Nutzern im Internet-Netzwerk ausführlich beschrieben, Interessen oder der Beziehungsstatus werden offengelegt. Fotos und Videos von neugeborenen Babys werden online gestellt, ohne dass die Eltern sich um die Privatsphäre ihres Kindes zu sorgen scheinen.
Es ist auf Facebook nicht unmöglich, die eigene Privatsphäre zu schützen. Aber es macht Mühe. Was früher geheim war, geben Nutzer heute teilweise recht freimütig preis. Über die Reichweite ihrer Daten und Bilder sind sie sich dabei nicht immer im Klaren: Neue Nutzerprofile versieht Facebook seit einiger Zeit automatisch mit einer Voreinstellung, die Einträge für alle anderen Nutzer sichtbar macht. Informationen, die manch ein Nutzer lieber für sich behalten hätte, werden auf diese Weise offengelegt und landen im Zweifel bei Suchmaschinen. Die Grenze zum Privaten wird von den Machern des sozialen Netzwerks absichtlich überschritten.

„Privatsphäre ist ein überkommenes Konzept“

Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sieht in der Veröffentlichung persönlicher Daten kein Problem, sondern einen gesellschaftlichen Trend, Privatsphäre hält er für ein überkommenes Konzept. „Die sozialen Normen haben sich geändert“, sagt Zuckerberg und rechtfertigt so sein stetig wachsendes Interesse an den Daten der Facebook-Nutzer. Ausgerechnet mit dem Datenschutz jedoch begründet Facebook, warum Angehörige die Profile von Verstorbenen nicht einfach löschen lassen können. Nur wer über das Passwort einer Person verfügt, kann ein Profil löschen. Hat ein Nutzer es vor seinem Tod nicht bei einem Angehörigen oder Freund hinterlegt, besteht sein Facebook-Profil auch nach seinem Tod weiter – und seine Daten und Bilder bleiben im sozialen Netzwerk.

Trotz Freizügigkeit ist im Netz längst nicht alles sichtbar. Mit dem Internet ist es wie mit einem Eisberg, der größte Teil davon liegt im Verborgenen. Zwar vermittelt Google mit seiner Suchmaschine die Illusion, alles, was im Netz ist, finden zu können; aber auch Google stößt an Grenzen. Die Suchmaschine listet rund 30 Milliarden Seiten auf. Das klingt nach viel, tatsächlich dürfte es aber bis zu 500-mal mehr Seiten im Netz geben. „Deep Web“ heißt dieser unsichtbare Teil des Internets, der so tief im Meer der Dateistrukturen liegt, dass selbst Googles automatische Suchprogramme davon keine Notiz nehmen.

Was darf im Internet sichtbar sein?

Warum bleibt so vieles vor Googles Augen verborgen? Der größte Teil der unsichtbaren Dokumente steht in passwortgeschützten Bereichen, etwa in geschlossenen sozialen Netzwerken wie Facebook und Bibliothekskatalogen. Diese Daten sollen nicht so leicht zu entdecken sein. Das klingt überraschend, denn für die meisten Betreiber von Internetseiten gibt es kaum Wichtigeres, als von Google gefunden zu werden. Eine ganze Branche der sogenannten Suchmaschinenoptimierer kümmert sich darum, von Google möglichst weit oben aufgeführt zu werden. Ist es nicht verdächtig, wenn bestimmte Daten nicht gefunden werden sollen? Gut möglich, dass nicht immer ein Geheimnis dahinter steckt, das für einen Julian Assange interessant wäre. Wissenschaftliche Datenbanken sind beispielsweise trotz der spezialisierten Suche Google Scholar oft nicht zugänglich, weil die Fachverlage Geld für ihre Publikationen verlangen wollen.

Was darf im Internet sichtbar sein? Und was sollte besser niemand sehen? Die Debatte über den Panoramadienst Google Street View hat die Frage so plastisch werden lassen wie nie: Will ich, dass sich alle Welt bis an den Klinkerstein meiner Hausfassade heranzoomen kann – oder will ich das lieber verhindern? In keinem anderen Land der Welt war die Empörung über Googles Absichten lauter als in Deutschland. Mit dem Ergebnis, dass der Konzern es deutschen Mietern und Hausbesitzern gestattete, schon vor dem Start des Dienstes Widerspruch einzulegen – und ihrem Haus eine Datenburka überzustülpen, wie es StZ-Kolumnist Peter Glaser schrieb.

Wer soll welche Daten zu welcher Zeit sehen?

Street View war im Jahr 2010 der kleinste gemeinsame Nenner für alle Datenschutzprobleme, die das Internet so mit sich bringt. Politiker stimmten begeistert in das „Google-Bashing“ ein. Wohl wissend, dass auch der Staat selbst immer wieder Anstrengungen unternimmt, Sammlungen privater Daten anzulegen. Zuletzt hat er es beim „elektronischen Entgeltnachweis“, kurz Elena, versucht. Das Verfahren wurde inzwischen ausgesetzt. Dass Google Daten sammelt, um Geld zu verdienen, steht außer Frage. Nur ist es eben auch wahr, dass Street View in einem Land umstritten ist, in dem Bürger bereitwillig Auskunft über ihre Kaufgewohnheiten geben, nur um Punkte auf Rabattkarten zu sammeln und ganze Familien am Hamburger Flughafen Schlange stehen, um sich vom Körperscanner durchleuchten zu lassen.

Hinter der Kritik an Google steckt eine diffuse Angst, fremdbestimmt zu sein, nicht im Griff zu haben, was mit den eigenen Daten geschehen soll. Die Entscheidung jedes Einzelnen darüber, wer welche Daten zu welcher Zeit sieht, wird die Frage sein, um die es in den nächsten Jahren beim Datenschutz im Internet geht.

Marc Hippler und Christiane Wild
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