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»WikiLeaks ist erst der Anfang«

31 Dez
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München Akademie der Bildenden Künste

Einer erzählt und alle hören zu. Das wünschen sich TV-Kanäle und Marken vergeblich. Die Rezipienten haben Augen und Ohren überall. Den direkten Weg vom Sender ins Hirn gehen die Botschaften nur noch selten. Ganz andere Routen nehmen sie heute: von Mund zu Mund, dann auf die Facebook-Pinnwand. Oder vom YouTube-Video über den Blog in die Hosentasche, aufs Handy, der zentralen Informationsverteilerstelle. Und gleichzeitig unentbehrliches Tool für das Management der sozialen Beziehungen.

Zwischen „faszinierend“ und „Wahnsinn“, pendelt Thomas Schmid, Creative Director von „Friendly Fire“, wenn er die Kommunikation des nächsten Jahrzehnts beschreibt. „Das klassische Modell funktioniert nicht mehr“, sagt Schmid. Marketingmanager können da nur seufzend nicken. Ihre Botschaften und Marken loszulassen, das müssen sie vor allem lernen. „Brand Hijacking!“ rufen sie. „Demokratisierung“ sagt hingegen Schmid zu einer Entwicklung, die er dreimal rot einringeln würde. Ein Prozess, der sich radikal verstärkt. „Monopole werden zertrümmert“, meint Schmid. Und gibt Beispiele: Das Internet zerbröselt das Informationsmonopol der Medien – googeln statt glauben. Plötzlich ist auch jeder selbst ein Sender: YouTube-Videos statt Fernsehbilder. Die Kommunikatoren geben die Kontrolle ab, weil sie müssen. „Es kommt eine neue Qualität der Öffentlichkeit. WikiLeaks war erst der Anfang. Das hat so viele Sympathisanten, das kann man nicht mehr abdrehen“, erklärt Schmid. Selbstläufer, die nicht zu stoppen sind, genau das versuchen auch die Kommunikationsagenturen in Zukunft zu produzieren. Mit Botschaften, die ansteckend sein sollen wie Viren. „Eine kleine Saat, die explodiert.“ Am besten irgendwo unterwegs im Netzwerk der virtuellen Freunde.

Das neue Jahrzehnt wird die Epoche nach der Flut: Wer mit der Gießkanne kommuniziert, schüttet an den Rezipienten vorbei. „Richtiges Content-Management wird wichtiger“, so Schmid. Es bringt das Relevante kompakt zusammen. „So versucht man, den Wahnsinn zu bündeln“, etwa auf „personalisierten Websites“. Das zähmt den Daten-Overflow, „filtert und systematisiert die Informationsflut“, wie Schmid erklärt. Selbst Facebook müsse „sich etwas einfallen lassen, um das besser zu managen“. Die Unternehmen müssten sich auf ihre „Digital Brand Identity“ und ihre Aktivitäten rund um das „Mobile Social Web“ konzentrieren. Mit ihrer Homepage natürlich, neuen Applikationen für Smart Phones und ihrer Verlinkung zu Social Media. „Fernsehen, Print, Radio werden nicht aussterben. Aber sie bekommen eine neue Aufgabe. Jene, die digitale Identität zu füttern“, so Schmid.

Energiegeladen. Gebaute Strukturen sind resistenter gegen radikale Veränderung. Die Paradigmen in der Architektur drehen sich zwar, aber langsamer. Allmählich verwechseln Bauherren und Architekten Energieeffizienz nicht mehr mit „Nachhaltigkeit“. Und diese wird auch verstärkt in der sozialen Dimension gedacht, Wohnbauprojekte versuchen vorzuzeigen, wie es gehen könnte. Was in der Kommunikation bereits auf Stufe 3.0 angekommen ist, läuft sich in der Architektur bei 2.0 gerade warm: Die Mitbestimmung, im Grätzel, in der Planung, die Vernetzung der relevanten Akteure. Architekten denken die flexiblen Lebensentwürfe der Nutzer in ihren eigenen Plänen mit. Gebäude sollen nicht nur Licht, Land und Energie schlucken. Sondern der Gemeinschaft, der Stadt etwas zurückgeben. Zumindest die Energie. Fassaden können sie schon produzieren, selbst wenn sie Fertigteile für Fertighäuser sind, bald kann es auch das energetisch oft geschmähte Glas. Die Ästhetik der Häuser könnte sich grundsätzlich verändern. Zumindest, wenn sie mehr Energie produzieren sollen als sie verbrauchen. Coop Himmelb(l)au und viele andere Architekturbüros experimentieren schon mit Formen, die der „Energie folgen“. Lösungen für die Zukunft sucht man in den technologischen Innovationen, aber auch in ursprünglichen Methoden, die die rasante technische Entwicklung verschüttet hat. Auch das gehört zur Konsulentenrolle, in die die Architekten wachsen. „Die Hauptaufgabe ist zunächst, nicht Probleme zu lösen, sondern sie aufzudecken“, sagt Andreas Schmitzer von A01 architects.
Zusatznutzen. Innovation, Lösungsorientiertheit und Nachhaltigkeit werden auch die Mode der Zehnerjahre dominieren – mit Crossover-Effekten. Immerhin ist manche Synthetikfaser umweltverträglicher als wasserintensiv angebaute Baumwolle. Zugleich eröffnen Hightech-Materialien neue Anwendungen. Blinkende Sakkoärmel statt Handyläuten und Handtaschen mit Alarmfunktion könnten das Stigma reiner Community-Spielereien überwinden. „Die Frage ,Was kann das noch?‘ wird wichtig werden. Die Bündelung verschiedener Design- und Funktionsaspekte ist gefragt“, kommentiert die Expertin Elisabeth Längle, die als Jurorin des Förderprogramms „impulse“ der Austria Wirtschaftsservice die Visionen der Szene kennt. „Es gibt technisch-medizinische Projekte, die künftige Entwicklungen vorbereiten“, meint Längle. Aus dem Spitalsbereich kommt etwa mit diversen Substanzen angereicherte Bettwäsche und befindet sich bereits im Verkauf. Der nächste Schritt? „Wenn Sie heute einen Schnupfen haben, gehen Sie in die Apotheke und besorgen sich einen Nasenspray. In ein paar Jahren kaufen Sie vielleicht ein Schnupfen-T-Shirt beim Diskonter. In die Richtung muss man denken.“

Andere wichtige Themen werden von einer wachsenden Käuferschicht vorgegeben: „Wie ich mit siebzig ausschaue, das ist ein Statussymbol. Ob ich den letzten Heuler anhabe, ist bedeutungslos.“ Um die Bedürfnisse der „Best Ager“ wird sich auch die Mode zu kümmern haben. „Da wird sich einiges tun – keiner kann sich leisten, einen weltumspannenden und so kaufkräftigen Markt links liegen zu lassen.“ Kreativität und unternehmerische Schlauheit sollten ohnehin Hand in Hand gehen. In diesem Sinne hat Elisabeth Längle auch für die heimische Szene ein Orakel parat: „Ohne kommerziell orientierte Kreativität findet man kein Publikum. Und Mode ohne Publikum, das ist ganz einfach keine Mode.“

von daniel kalt und Norbert philipp (Die Presse)
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Verfasst von - 31. Dezember 2010 in Gesellschaft, Internet, Mix, Wikileak

 

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