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Wikileaks gegen die USA und die Vorläufer

25 Dez

Die Zürcher, die vor Assange kämpften

Der sensationellste Konflikt des Jahres war Wikileaks gegen die USA.

Dazu gab es einen Vorläufer.

Um Weihnachten 1999 kämpfte in Zürich
die siebenköpfige Kunstgruppe etoy
gegen den Milliardenkonzern eToys.

Das ideologische Weihnachtsgeschenk für die Internetgemeinde 1999 war ein lang ersehntes Spielzeug – ein gerechter Krieg. Ein Krieg wie vom Wunschzettel: neu, unblutig, aber nervenzerfetzend. Ein Krieg zwischen zwei ungleichen Gegnern: Intelligenz gegen Gigant. Hier eine kleine Gruppe von Anarchisten. Dort ein milliardenschwerer Konzern.

In vielem war der Krieg etoy gegen eToys der Vorlauf zur aktuellen Schlacht von Wikileaks gegen die USA. Das Verblüffende in beiden Fällen ist: dass der Kampf überhaupt stattfindet. Normalerweise sollte bei diesem Grössenunterschied ein Fight so unmöglich sein wie zwischen Elefant und Biber.

Der Kriegsgrund: Ein S

Guerilleros haben tatsächlich nur unter einer Bedingung Chancen gegen die Regierungstruppen: Wenn das Gelände ein Dschungel ist. Und genau darum geht es in beiden Auseinandersetzungen: Wem gehört das Netz? Den Pionieren – oder den an Übersicht interessierten Invasoren? Und wer macht die Gesetze? Die alte arrogante Elite von Business, Justiz, Politik? Oder die neue arrogante Elite der Hacker?

Die Kontrahenten 1999 waren ein in Zürich gegründetes siebenköpfiges Kunstkollektiv namens etoy. Und auf der Gegenseite der damals drittgrösste Internetkonzern der Welt: ein Spielzeugverkäufer namens eToys. Der Krieg drehte sich um einen einzigen Buchstaben: ein S – der Buchstabe, der die Adresse zwischen http://www.etoy.com und http://www.etoys.com unterscheidet.

Es war dieses S, das dem Spielzeugkonzern eToys zunehmend Ärger machte. Monatlich vertippten sich 20’000 bis 30’000 Kunden. Und statt fröhlicher Muppets, unverschluckbarer Bauklötzchen und positiver Teletubbies empfing sie auf der erratischen Website von etoy eine finstere Technoästhetik mit verwirrenden Slogans wie «Etoy – Leaving Reality Behind» oder «Don’t fucking move – this is a digital hijack».

Tippfehler löste den Krieg aus

Ein Beschwerdebrief eines Opas, dessen Enkel sich vertippt hatte, war der Anlass für eToys, den Nachbarn etoy vor Gericht zu zerren: wegen Geschäftsschädigung, Pornografie, Aufruf zu Gewalt und Anlagebetrug. Mit Erfolg: Am 29. November 1999 verbot ein Richter in Los Angeles der Firma «etoy» per sofort, eine Website mit der Adresse «www.etoy.com» zu führen. Die Strafe bei Zuwiderhandlung: 10’000 Dollar – pro Tag.

Das Perverse und Sensationelle dieses Urteils bestand darin, dass etoy schon zwei Jahre im Internet an der Arbeit war, bevor eToys überhaupt zu existieren anfing: Etoy war 1994 im Netz, eToys wurde 1996 gegründet. Die Internetpionier-Regel «first come, first served» wurde dadurch um 180 Grad verdreht zum bananenrepublikanischen Schlager «law is where you buy it».

Der Fall erregte auch deshalb Aufsehen, weil eToys etoy zuvor eine halbe Million Dollar geboten hatte. Etoy-Agent Zai: «Tja, es fing im Frühling an. Sie boten uns per E-Mail erst 1000 Dollar für unsere Adresse. Wir schickten einen Smiley zurück. Wir haben sie nicht ernst genommen und praktisch gesagt, kommt nochmals zur Tür herein und klopft vorher anständig an. Sie haben uns gefragt, wie viel wir wollten. Wir sagten, bei 750’000 Dollar könnten wir anfangen. Sie sagten, wir seien verrückt und höchstens 10 Prozent wert.

Unter Brüdern

Also waren sie schon auf 75’000. Dann klagten sie uns ein. In der Nacht vor der ersten Verhandlung riefen die Anwälte uns an und boten 160’000 Dollar – in der Hoffnung, dass wir nervös wären. Unsere Anwälte rieten zu einem Deal, aber etoy kam bei einer Sitzung zum Schluss: Nein, wir kämpfen. Und dann rief uns der Chef der Rechtsabteilung an und bot 520’000 Dollar. Das haut sie um, dachte er. Hardcore. Aber wir entschlossen uns zu sagen: Fuck off.»

Die härtesten Kriege finden unter Brüdern statt. Nicht Differenzen, sondern Ähnlichkeit garantiert die Intensität des Kampfs. Und wirklich: Auch wenn eToys mit 1000 Mitarbeitern und einem Aktienkapital von 8,5 Milliarden Dollar nach seinem Börsengang im Dotcom-Boom der drittgrösste Internet-Konzern der Welt war, bestand die Firma eigentlich aus gekühlten Servern in der kalifornischen Wüste, einer Website und sonst nichts. Ausser der Fantasie der Börse, dass etoys.com für Spielzeuge sein würde, was amazon.com für Bücher war.

Etoy hingegen logierte in einem Gewirr aus Kabeln und Aschenbechern in einem Hinterhof in Zürich; es war eine Kunstgruppe, die 1994 beschlossen hatte, ganz im Internet zu existieren. (Ein Jahr bevor Bill Gates sagte: «Das Internet ist doch nur Hype.») Etoy interessierte sich nicht für die Produktion irgendwelcher Kunstwerke, auch nicht für «eine Website mit hübschen Bildchen» (Zai), sondern ausschliesslich für das Echo ihrer Aktionen: Etoys einziges Produkt war die Marke selbst: etoy.

Aktien als einziges Produkt

Das Einzige, was etoy am Kunstmarkt verkaufte, waren die Aktien der eigenen Organisationsform – einer Firma. Das verband sie mit eToys, die bisher nur für ein paar Dutzend Millionen Spielzeug (mit happigem Verlust) verkauft hatte, aber für Milliarden Aktien. Beide Firmen waren insofern Brüder, als sie im Kern nichts waren als eine Internetadresse, eine Marke und der Hype darum.

Etoy hätte das 520’000-Dollar-Angebot fast angenommen: «Immerhin galten wir vorher als Verrückte – und dann bot jemand 520’000 Dollar.» Dann aber siegte der Reiz der Ähnlichkeit. Sprecher Zai: «EToys war das Beste, was uns passieren konnte. Pures künstlerisches Glück. Sie sind Hype, wir sind Hype. Sie sind eine Spielzeugfirma, das passt zu unserem Digital Entertainment. Sie sind ein Konzern, wir parodieren einen Konzern. Wir sind beide weltweite Brands. Und als Firma bist du unfassbar: Ein Einzelner könnte einen Fight vor Gericht nicht durchstehen. Kurz: Die 520’000 Dollar waren uns egal. Die Attacke von eToys war eine Once-in-a-lifetime-opportunity. Wir beschlossen, aus dem Kampf gegen eToys ein Kunstwerk zu machen.» Etoy stellte einen neuen Slogan ins Netz: «Geld ist nicht nichts. Aber Kunst ist das, wofür wir töten würden.»

Die Kriegstaktik

Das Netz hatte nur darauf gewartet. Innert zweier Wochen waren 400 Protestwebsites online. Hacker riefen zur Sabotage von eToys auf. Internetpioniere schrieben Manifeste. Jüngere einfach Beleidigungen gegen eToys, die «TYPICAL E-BUSINESS SHITHEADS». Die halbe US-Medienlandschaft von «Wired» bis «CNN» wollte Interviews. Kurz: Bei etoy war der nackte Irrsinn losgebrochen: ein Tsunami von Aufmerksamkeit. Die Frage war nur die nach dem Ziel. Essays über Freiheit und Kommerz? Zu banal. Den Hackern grünes Licht zur Rache geben? Juristischer Selbstmord. Und es blieb das Problem der Sympathisanten: Die Leute wollten etwas zu tun haben, sofort.

Was tun? Die Lösung kam von dem Privatgelehrten Reinhold Grether, der die deutsche Internetbörse untersucht hatte. Dort gab es ein klares Muster: Wie bei eToys waren die Aktienkurse vieler Dotcom-Firmen am Tag des Börsengangs explodiert, dann aber zitterten sie auf dem selben Niveau weiter – sechs Monate später bröckelten sie. Exakt dann, als das Management die ersten Aktien abstossen durfte. Stimmte das, würde der Kurs von eToys also nur in eine Richtung gehen: abwärts. Also rief man ein ehrgeiziges Ziel aus: Man wollte den Aktienkurs von eToys auf null drücken.

Der Aktienkurs sank

Etoy und seine Helfer taten dies – indem sie andeuteten, die Website von eToy während des entscheidenden Weihnachtsgeschäfts lahmzulegen, und das in sechs kurzen Warnblockaden auch vollzogen; indem Hunderte Leute in Investorenforen auf die mickrigen Umsätze und konstanten Verluste der Firma hinwiesen – und auf mögliche elektronische Attentate; indem etoy den TOYWAR ausrief, mit einer Plattform von rund 2500 Aktivisten, dargestellt als Legomännchen, die die Aufgabe hatten, dem Management und Investoren E-Mails zu schreiben.

Und, warum auch immer, der Aktienkurs sank. Und zwar schnell: Bis Weihnachten waren die Papiere von eToys von 67 auf 34 Dollar gefallen – ein Substanzverlust von 2 Milliarden Dollar. Die Toywar-Plattform kommentierte: «ETOYS MARSCHIERT IN EIN TOYNAM.»

Die Kriegsopfer

Während bei eToys die Aktionäre bluteten, war der Verlust bei etoy subtiler: Die Firma verlor an Obskurität. Geknebelt dadurch, dass amerikanische Gerichte keinen Spass verstehen und die Presse klare Statements braucht, wurde etoy zu den Guten, Braven, Anständigen, Verteidigern der Bürgerrechte.

Kurz: Etoy machte Kriegspropaganda. Dabei hatte kaum eine Kunstgruppe so viel Verdacht, Unruhe, Ärger, Verwirrung und Behördenreaktionen ausgelöst wie etoy. Schon ihr allererster Auftritt 1992 als 156er-(Pseudo-)Brutalo-Nummer «Das Blutbad» empörte in Zürich Journalisten plus Staatsanwalt. Die 156er-Nummer erschien danach noch als Ufo-Telefon, Ozonloch-Telefon, LSD-Telefon in Realität und Medien.

CIA ermittelte wegen Internetterrorismus

1994, als etoy ins Internet emigrierte, bekräftigte man den Entschluss durch radikale Aufgabe der Individualität: Alle sieben etoy-Agenten sah man nur noch in Uniform mit Glatze, oranger Jacke und Spiegelbrille. Das Projekt, das sie 1996 berühmt machte, war der «digital hijack»: Man manipulierte im grossen Stil die Suchmaschinen, die 1,4 Millionen Internetbenützer auf die finstere Entführungsseiten von etoy führten: Wo einen dann ein Auge anstarrte, eine gepiercte Brust oder die Möglichkeit, anonyme Drohbriefe mit der Unterschrift «from nobody and etoy» zu verschicken – was die CIA dazu brachte, wegen Internetterrorismus zu ermitteln.

Kurz: Ob im Netz, in der Kunstszene, ob in Zürich oder Wien – etoy war meist verdächtigt oder gehasst worden. Und nun stand der Name weltweit als Marke für die Verteidigung der Bürgerrechte gegen die Macht der Konzerne da.

Im Auge des Hypes

Michael Zai: «Kontrolle kannst du vergessen. Du bist im Sturm, im Hype, auf rauer See, und du kannst nichts mehr steuern. Du sitzt nur noch am Telefon. Aktivisten. Deine Anwälte. Durchgedrehte Hacker. Die Presse, die klare, superprimitive Antworten will. Du hast 20 Sitzungen am Tag. Niemand schläft. Deine Prozesskosten steigen von Tag zu Tag. Wenn man Wikileaks-Chef Assange vorwirft, er sei zu wenig professionell oder seine Finanzen seien zu intransparent, dann stimmt das. Aber bei dem Chaos kann er noch froh sein, wenn er seine Quittungen in eine Trainingstasche gestopft hat. Buchhaltung oder Planung? Vergiss es. Und wir hatten noch den Vorteil, dass wir Ironie hineinbringen konnten: einen Spielzeugkrieg. Assange hat noch eine Vergewaltigungsklage nebenher. Und die Amis wollen seinen Kopf. Und alle Entscheidungen sind superkomplex. Das ist Horror pur.»

Ende Januar 2000 knickte eToys ein. Die Firma zahlte 50’000 Dollar Anwaltskosten an etoy und gaben die Internetadresse wieder frei. Ihr Aktienkurs war mittlerweile auf 14 Dollar gesackt: 4,5 Milliarden Dollar waren vernichtet. Etoy schrieb nüchtern, dass der Toywar somit «die wahrscheinlich teuerste Performance der Kunstgeschichte» gewesen sei. Der Crash der eToys-Aktien war Avantgarde; ab Sommer 2000 zerfielen fast alle Internetaktien in mehreren Schüben ins Nichts. EToys ging ein Jahr nach dem Krieg bankrott: Ende Februar 2001 blieb von der einstigen Milliardenfirma nichts übrig als ihr Name. Er wurde für 5 Millionen Dollar an einen Konkurrenten verkauft.

Als die Aktien zu Papier zerfielen, erschienen sehr viele Kommentare, die das Ende ausriefen: Das Ende des Hypes. Der Dotcom-Firmen. Der kreativen Buchhaltung. Des überdrehten Finanzkapitalismus. Und sogar das Ende des Internets. Zumindest jenes Internets als Ort von Fantasie: von Wildwest-Goldgräberstimmung und Wildwest-Anarchismus. Man prophezeite damals, 2001, eine Zeit von Nüchternheit und Seriosität.

Dabei war das alles nur der Beginn.

Von Constantin Seibt

 

 

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