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WikiLeaks wird BusinessLeaks

22 Dez
Christian KreilAngesichts des Fokus auf die Tölpeleien der US-Diplomatie und die noch tölpelhafteren Reaktionen wird derzeit eines übersehen: WikiLeaks will unethisches Verhalten nicht nur in Regierungen, sondern auch in Unternehmen enthüllen. Das System WikiLeaks wird – unter welchen Namen auch immer – das System „BusinessLeaks“ gebären. Sollten Sie demnächst in Ihrem Unternehmen eine Strategiesitzung durchführen: Halten Sie den roten Marker bereit und tragen sie bei der SWOT- Analyse „Wiki“ bei Risiken und „Leaks“ bei Schwächen ein. Und zwar dick und fett. 

Ein paar Anstöße zum Umgang mit einem Phänomen aus der neuen Welt der Kommunikation: Das System Wiki­Leaks vertritt einen emanzipatorischen, aufklärerischen  Ansatz. Korruption in Kenia, Giftdeponien in der Elfenbeinküste, fragwürdige Kreditvergaben von Banken und die Scientology-Sekten standen bereits am Pranger. „BusinessLeaks“ wird in Analogie dazu nicht an den „Tue Gutes und rede darüber“-Botschaften Ihres Unternehmens oder dem Entwurf für den Nachhaltigkeitsbericht interessiert sein, sondern an unangenehmen Interna.

Schubumkehr

Anders gesagt:  an allem, was dem Betriebsrat, der Gewerkschaft oder  Konsumentenvertretungen nicht gerne auf die Nase gebunden wird – von dem in der Regel aber mehr als eine Person in Ihrem Unternehmen weiß.

Kommunikative Schubumkehr: „Businessleaks“ kehrt die Ansätze der Unternehmenskommunikation ins Gegenteil. Die alte PR-Weisheit: „Man muss nicht alles sagen, was wahr ist“ kann sich die Pressestelle künftig an die Wand malen. Gerade das Nichtgesagte wird auf „BusinessLeaks“ zu finden sein. Die Inhalte werden sich nicht auf „Kuverts mit Inhalt“, verbotene Absprachen, inkorrekte Überstundenabrechnungen und ähnliche juristisch relevante Sachverhalte beschränken: Ungeschickte Bemerkungen zum Umgang mit lästigen Kunden, flapsig formulierte Kündigungsavisos, skurrile Weisungen in Sachen Dresscode sind für „BusinessLeaks“ ebenso interessant.
Die flotte Branding-Idee aus der Marketingabteilung könnte in „BusinessLeaks“ als Kundentäuschungsmanöver, Notizen zu den Arbeitsbedingungen in ihrem ostasiatischen Joint-Venture als Arrangement mit Diktaturen ­getagged werden.

Vergessen Sie den Griff zum Telefonhörer. Den Chefredakteur oder den Anzeigenleiter von „BusinessLeaks“ werden sie nicht erreichen. Auch der gegenüber klassischen Medien geübte Hinweis auf die wöchentlichen Inserate als sanftes Drohmittel gegen die investigativen Anfragen eines Journalisten wird wertlos sein, sobald Inhalte auf „BusinessLeaks“ gelandet sind. Angesichts der offen zur Einsicht stehenden Dokumente stellt sich für die Medien nicht die Frage, welche Stories sie aus Rücksicht auf die werten Werbekunden zurückhalten können, sondern welche sie aus Rücksicht auf die mediale Konkurrenz veröffentlichen müssen.

Neupositionierung

Vergessen Sie die Technik: Nicht Outlook und der USBAnschluss stellen die Gefahr dar, sondern illoyale, frustrierte oder enttäuschte Mitarbeiter. Vor WikiLeaks fürchten sich China, die USA, Simbabwe und Russland. Im Analogieschluss zu „BusinessLeaks“ liegt es in Ihrer Hand, sich als unternehmenskultureller Bunker oder als transparentes Unternehmen zu positionieren.
Vorteile werden jene haben, die sich am Glashaus-Axiom orientieren und sich rechtzeitig eingestehen: „Jedes unternehmerische Handeln ist ­öffentlich“ – ob es uns passt oder nicht.

von Christian Kreil

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