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TRANSPARENZ= Wikileaks ist das Napster der Regierenden

21 Dez

Was Tauschbörsen für Hollywood sind, ist Wikileaks für Regierende. Sie können es behindern, gewinnen können sie nicht, schreibt Michael Seemann und fordert: Lebt damit!

Wikileaks und die dazu gehörende Idee – der Verlust aller Werkzeuge der Informationskontrolle – werden das Paradigma des kommenden Jahrzehnts werden. Was Napster für die Musikindustrie und BitTorrent für Hollywoodwar, wird Wikileaks für die Politik sein. Und es wird die Gesellschaften der Welt im kommenden Jahrzehnt ähnlich stark prägen wie der Mauerfall die neunziger Jahre und wie die Anschläge des 11. September das Jahrzehnt nach dem Jahrtausendwechsel.

Wikileaks ist die Vollbremsung des politischen Hinterzimmers. Fand Politik bislang immer unbeobachtete Nischen, um Entscheidungen auf nationaler und internationaler Ebene „vorzubereiten“, kann sie sich heute nirgends mehr sicher fühlen.

MICHAEL SEEMANN

Michael SeemannSeemann bloggt und twittert seit Jahren unter dem Pseudonymmspro und beschäftigt sich mindestens ebenso lange mit dem gesellschaftlichen Phänomen des Kontrollverlustes. Sein neues Blog hat genau diesen zum Inhalt, sorge doch das Internet dafür, dass wir die Kontrolle über unser Leben verlören. Das lohne sich, findet Seemann, immerhin bekämen wir dafür einen „riesigen Resonanzkörper“ und die Chance, über uns hinauszuwachsen.

Angesichts der Betriebsamkeit der Akteure kann man vermuten, dass es dabei um mehr geht als um die paar Indiskretionen aus dem diplomatischen Korps oder der Armee. Es geht ums Ganze.

Offensichtlich ist Geheimhaltung tief verankert im System selbst der demokratischsten Staaten. Wie tief, ist an den wütenden Reaktionen auf Wikileaks zu sehen. Und sie sind verständlich, fordert die Plattform doch nicht weniger als das Gesamtsystem heraus. Im Grunde bleiben den Regierungen nur zwei Handlungsoptionen: zensieren bis zur totalitären Informationskontrolle oder die Akzeptanz der neuen, unkontrollierbaren Transparenz.

Es ist viel gestritten worden, was Wikileaks ist, was es sein könnte und sein müsste. Angetreten ist die Plattform einst mit dem Anspruch, nicht auswählen, redigieren oder filtern zu wollen. Das haben die Betreiber inzwischen aufgegeben und leiten der Effektivität und Publizität wegen alles durch einen journalistischen Filter. Kritisiert wird die Seite für beides. Die einen monieren die journalistische Sorglosigkeit und wünschen sich mehr redigierende Eingriffe. Die anderen geißeln die bereits stattfindende Filterung und Kommentierung als zu willkürlich und intransparent.

Langfristig ist keine der Techniken entscheidend. Es zählt nur die Idee. Wikileaks ist das Napster der Regierungen der Welt. Ein Agent, ein Vehikel und gleichzeitig ein Symptom einer viel grundlegenderen Veränderung, die nicht mehr weggehen, sondern sich ausweiten wird und es schon tut.

  • WAS IST WIKILEAKS?
We open governments„, ist das Motto von Wikileaks: „Wir machen Regierungen transparent“. Die Organisation bietet eine eine Internetseite, über die sogenannte Whistleblower, Informanten also, geheime Akten und Daten an die Öffentlichkeit bringen können. Wikileaks garantiert ihnen dabei dank verschlüsselter Kommunikation und nicht abhörbarer Server Anonymität. Gleichzeitig veröffentlicht Wikileaks das Material auf seiner Seite und macht es damit für jeden zugänglich. 

Die Organisation hat dabei zum Grundsatz, Dokumente nur zu veröffentlichen, wenn sie zuvor auf Plausibilität und Wahrheitsgehalt geprüft wurden.

Selbst wenn sich Wikileaks „domestizieren“ lässt, dürfte jedem klar sein, dass nicht wenige Nachfolger von Wikileaks das puristische Konzept der ungefilterten und ungeschwärzten Veröffentlichung von Originalen favorisieren. Der Trend ist eindeutig: Kontrollstrukturen sollen verunmöglicht werden. Spätestens wenn es die erste Whistleblowerplattform auf Peer-to-Peer-Technologie wie BitTorrent basiert, wird er sich manifestieren.
Die politischen Kämpfe der vergangenen Jahre drehten sich um die Deutungshoheit und um die Definition, was gute und was schlechte Informationen waren. Die Netzpolitik der nächsten Jahre wird von der Frage bestimmt sein, wer das entscheiden darf. Es wird nicht darum gehen, was veröffentlicht werden soll und was nicht, sondern darum, ob es in Zukunft noch eine Instanz geben kann und darf, die darüber entscheidet.

Diese radikale, anarchische Transparenz ist das eigentliche Versprechen und auch die eigentliche Drohung, die hinter Wikileaks steckt.

Angesichts dieser Aussichten werden die ideologischen Fronten derzeit völlig neu gezogen. Einige Journalisten sprechen gar schon von „totalitärer Transparenz„. Dabei müsste Wikileaks eigentlich das Symbol ihres Berufsethos‘ sein.

Einige Politiker, die gern Transparenz loben und versprechen, haben nun schwerwiegende Vorbehalte gegen zu viel davon. In den USA, dem Land der „Free Speach“, werden gar öffentlich Todesdrohungen gegen Assange ausgesprochen.

Um Wikileaks zu bekämpfen, werden alle Register gezogen. Das US State Department erklärt die Depeschen aufgrund von Copyrightgesetzen für „illegale Information“ und setzt Unternehmen unter Druck. Paypal, Visa und Mastercard sperren Wikileaks aufgrund eines Verstoßes gegen die „allgemeinen Geschäftsbedingungen“ die Konten, und Amazon verbannt Wikileaks von seinen Servern, wegen des Anbietens „gestohlener Inhalte“.

Transparenz gut und schön, heißt das, aber bitte nur für die anderen. Für Diktaturen soll sie gut und wichtig sein, aber Demokratien soll sie bedrohen? Das ist verlogen. Und es ist erschreckend zu sehen, wer alles in dieser Debatte seine Maske fallen lässt.

Der Kontrollverlust hat die Mächtigen der Welt kalt erwischt. Regierungen, Konzerne, ja jede Macht, die auf Geheimnissen beruht, schlagen nun wild um sich. Egal ob Urheberrechte, Geschäftsbedingungen, Persönlichkeitsrechte oder Datenschutz – alle Informationsregularien werden ins Feld geführt, um die neuen Formen von Transparenz zu behindern. Was durchaus dazu führen könne, dass im Bemühen, die Demokratie zu verteidigen, die Demokratie beschädigt wird.

Bis heute hat die Musikindustrie Informationsverbreitungswege wie Napster nicht verkraftet.  Doch dräut ihr langsam, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen kann und dass sie sich der Macht des Faktischen wird beugen müssen. Dieser harte Weg steht den Regierenden nun auch bevor. Er wird für sie nicht leichter, auch wenn sie Armeen und Gesetze im Rücken haben. Hoffen wir, dass sie schneller lernen werden.

Quelle:Guckst du

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