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Wikileaks ein scheinbarer Skandal

20 Dez
Umberto Eco - italian philosopher and novelist

Image via Wikipedia

Wikileaks und die Folgen

Schafft die Botschaften ab!

Dan Brown lässt grüßen: Umberto Eco erklärt, warum die Geheimdienste in ihren Dossiers nur das archivieren, was alle bereits wussten. Und weshalb Wikileaks vor allem die Banalität des Diplomatenalltags enthüllt.

Über die Wikileaks-Affäre ist bereits viel geschrieben worden, aber auch dem kann man noch etwas hinzufügen. Zum Beispiel: Was die Inhalte von Wikileaks anbetrifft, haben wir es nur mit einem scheinbaren Skandal zu tun. Bei den Formen geht es jedoch um mehr.

Ein Skandal tritt nur dann ans Tageslicht, wenn er Inhalte öffentlich macht, die alle bereits wussten und in privater Form miteinander austauschten. Das Wissen darüber wurde zuvor nur im Flüsterton weitergereicht aus Gründen der Heuchelei (so wie man in Italien auch nur hinter vorgehaltener Hand erzählt, dass an bestimmten Fakultäten immer nur die Söhne von Professoren einen Lehrstuhl bekommen). Jedermann – und ich rede nicht von Diplomaten, sondern von Zuschauern eines Kinofilms über internationale Intrigen – weiß doch bestens, dass mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Botschafter ihre diplomatische Funktion verloren haben. Das ist so, seit die Staatsoberhäupter miteinander telefonieren oder ein Flugzeug nehmen können, um einander zum Abendessen zu treffen. Oder hat man damals etwa einen Botschafter auf einen Euphratkahn gesetzt, um Saddam den Krieg zu erklären? Von kleinen repräsentativen Fingerübungen abgesehen, haben sich die Botschaften in pure Dokumentationszentren über das Gastland verwandelt. Und der Gesandte, wenn er denn ein geschickter ist, erledigt die Arbeit des Soziologen und Politologen. In den heikelsten Fällen werden Botschaften zu veritablen Stützpunkten der Spionage.

Die arme Frau Clinton

Die Enthüllungen zwingen die amerikanische Diplomatie dazu zuzugeben, dass dies alles wahr ist. Dadurch erleidet sie – was die Formen des politischen Miteinanders angeht – einen Imageverlust. Mit der merkwürdigen Folge, dass dieser Austritt, dieses Tröpfeln, dieses Durchsickern interner Nachrichten mehr dem vermeintlichen Täter als den vermeintlichen Opfern (Berlusconi, Sarkozy, Ghaddafi, Merkel) schadet. Die arme Frau Clinton beschränkte sich wahrscheinlich darauf, Botschaften zu empfangen, die ihr diplomatische Angestellte einzig aus beruflicher Pflichterfüllung zugeschickt hatten, weil sie nun einmal dafür bezahlt wurden. Und genau dies wollte Assange, dem es vor allem um Amerika geht, aller Wahrscheinlichkeit nach vorführen.

Warum sind die Opfer so wenig und – wenn überhaupt – höchstens oberflächlich betroffen? Weil, wie wir alle bemerkt haben, diese berühmten Geheimnachrichten aus bloßem Presseecho bestanden und das enthielten, was in Europa jedermann längst wusste und sagte und sogar in Amerika bereits in „Newsweek“ erschienen war. Diese Geheimrapporte waren nichts anderes als Dossiers, wie sie jedes Pressebüro jedes Konzerns an ihren Vorstandsvorsitzenden schickt, der schließlich mit aller Arbeit, die er um die Ohren hat, nicht auch noch die Zeitungen lesen kann.

Offenkundig betreffen die an Frau Clinton gesandten Rapporte keine geheimen Angelegenheiten und sind deshalb auch gar keine Spionage-Codes. Sogar wenn es sich um vertraulichere Nachrichten handelte – etwa die privaten Interessen Berlusconis im russischen Gasgeschäft. Sogar diesbezüglich (möge das alles nun stimmen oder nicht) wiederholten die diplomatischen Zettelchen nichts anderes als pure Gerüchte. Sachverhalte also für Leute, die man bei uns unterm Faschismus Caféhausstrategen nannte: Plauderer am Tresen einer Bar.

Gadafis Satrapenmanieren, Berlusconis Nächte

Dadurch wurde nur eine andere Tatsache bestätigt: Jedes von einem Geheimdienst zusammengestellte Dossier jedweder Nation enthält ausschließlich Material aus öffentlichen Quellen. Die „außergewöhnlichen“ Enthüllungen der Amerikaner über die „wilden Nächte“ Berlusconis geben das wieder, was man seit Monaten in allen italienischen Zeitungen (abzüglich der beiden berlusconianischen) lesen konnte. Und die Satrapenmanieren Gaddafis sind seit langer Zeit schon Stoff für Karikaturisten.

Die Regel, gemäß deren Geheimdossiers nur aus bereits bekanntem Material zusammengestellt werden dürfen, ist essentiell für das Vorgehen der Geheimdienste – und nicht nur in diesem Jahrhundert. Es ist dieselbe Dynamik wie in einer esoterischen Buchhandlung, in der jede Neuerscheinung (über den Gral, über Templer, über die Rosenkreuzer) exakt dasselbe wiederholt, was in den vorherigen Büchern behauptet wurde. Das liegt nicht so sehr daran, dass Autoren solcher Werke nicht gerne aus unbekanntem Material recherchieren würden (wo auch immer sie über das Nicht-Existierende forschen), sondern an den Anhängern des Okkultismus: Sie glauben nämlich nur an das, was sie bereits wissen und alles bestätigt, was sie irgendwann einmal mitbekommen haben. Nach diesem Mechanismus ist der Erfolg von Dan Brown zu erklären.

Faul oder geistig beschränkt

Dasselbe geschieht heute mit den Geheimdossiers. Der Informant ist genauso faul oder geistig beschränkt wie der Geheimdienstler, der nur das als wahr anerkennt, was er wiedererkennt. Die Geheimdienste aller Länder dienen also keineswegs dazu, Katastrophen wie den Angriff auf das World Trade Center vorherzusehen (die sie als irregeführte Institute sogar manchmal selbst verursachen). Stattdessen archivieren sie nur das, was alle bereits wussten, weshalb man sie allesamt abschaffen müsste. Aber gerade in Zeiten wie diesen so viele Arbeitsplätze zu streichen wäre wohl ziemlich töricht.

Von Umberto Eco, Autor internationaler Bestseller wie „Baudolino“, „Der Name der Rose“ und „Das foucaultsche Pendel“, erschien zuletzt „Die Geschichte der Hässlichkeit“.
Aus dem Italienischen von Dirk Schümer.
Text: F.A.Z.
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